Propaganda: Am meisten sagt, was man nicht sagt

An einem bescheidenen Beispiel soll heute kurz untersucht werden wie unterschiedlich Personengruppen dargestellt werden, wenn man ihre Anliegen fördern oder diskreditieren will.  Die wohl banalste Technik hierbei ist die schlichte Unterlassung von echter Berichterstattung.

Bürgerproteste: Manche sind halt gleicher

Vorgestern berichtete die Internetseite der Basler Zeitung über eine Protestversammlung gegen die Einrichtung einer  «pädagogisch-therapeutischen Institution» für Mädchen von 14 bis 18 Jahren. Der Artikel trägt den Titel «Ein Quartier probt den Aufstand». Anwohner wollen nicht, dass das Mädchenheim sich in ihrer Nähe befindet. Vor nicht allzu langer Zeit waren andere Basler besorgt, als sich die Söldnerfirma Aegis in Basel niederliess. Bazonline.ch berichtete auch damals. Der Fall Aegis sollte noch weitere Kreise ziehen, aber hier soll der Fokus auf zwei vergleichbare Einzelereignisse gerichtet werden.

Laut den BaZ-Artikeln gingen gegen die Firma Aegis «rund 200», gegen die therapeutische Institution «rund 60» Menschen auf die Strasse. Sicherlich sind Therapieeinrichtungen und Privatarmeen nicht das selbe, aber der lokale Bezug sowie die vergleichbare Grössenordnung der Vorfälle ermöglicht eine interessante Gegenüberstellung. Schliesslich sind in beiden Fällen Menschen besorgt und versuchen auf etwas aufmerksam zu machen, das sie als Problem in Ihrer Stadt wahrnehmen.

Beide Artikel sind simpel gehalten und die Propagandatechniken dementsprechend rudimentär; es genügt einige einfache Beobachtungen zu machen: Wie viel Raum (Worte) wurde dem Ereignis eingeräumt? Wurden Argumente der Protestierenden genannt? Wie distanziert wurde über die Protestaktionen berichtet?

Artikel 1: «Ein Quartier probt den Aufstand»

Länge: 709 Worte

Zitate der Befürworter des Protests:

– Direkte Rede: 13 Zitate, 111 Worte; Indirekte Rede: 8 Zitate, 103 Worte

  • Anteil der Zitate am Gesamten Artikel in Worten: >30%

Artikel 2: «Demo gegen britische Söldnerfirma Aegis»

Länge: 114 Worte

Zitate der Befürworter des Protests:

– Direkte Rede: 0 Zitate, 0 Worte; Indirekte Rede: 0 Zitate, 0 Worte

  • Anteil der Zitate am Gesamten Artikel in Worten: 0%

Die Protestaktion gegen Aegis mobilisierte über drei mal mehr Menschen, als jene gegen das Mädchenheim. Die Länge der Berichterstattung verhielt sich aber umgekehrt im Verhältnis 1 : 6! Den Argumenten der Aegis-Gegner wurde dabei kein einziges Wort zugestanden. Das einzige (indirekte) Zitat, welches sich im Text findet  stammt von einem Sprecher des «Sicherheitsdepartements» (Euphemismus, Orwell lässt grüssen.), den die Zeitung angefragt hatte. Auch sonst werden keine Gründe für die Protestaktion genannt, ausser, dass sie sich gegen die Firma Aegis richte.

Wer den Bericht über das Mädchenheim liest, dem wird auch nicht entgehen, mit welchem Mitgefühl die Autorin den Protestierenden begegnet: Da ist das mitgefühlheischende – doch eigentlich skandlöse – «Wer will das schon in der Nachbarschaft?». Stimmungen und Gefühlsregungen werden wiedergegeben, es menschelt aus jeder Zeile. Die Teilnehmer sind Frauen und Männer, «Anwohner» und «Leute», im Gegensatz zu den anonymen «Personen» die gegen Aegis protestierten.

Fazit

Klarer kann eine unausgesprochene Position kaum bezogen werden. Es wurde nicht nur  was den Umfang der Berichte angeht mit zweierlei Mass gemessen. Eine Gruppe setzt sich mit egoistischen Motiven gegen eine soziale Initiative ein und wird dabei so wohlwollend dargestellt, wie es nur irgend möglich ist. Die andere Gruppe wollte uneigennützig gegen einen zwielichtigen Anbieter von Privatarmeen protestieren und wurde kaum beachtet – geschweige denn angehört. Unterschwellig als potentiell randalierender Mob dargestellt, waren diese «Personen» in der BaZ-Darstellung schlichte Non-Subjekte, einer differenzierten Meinungsäusserung unwürdig.

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Über siebenundvierzig

Intellektuelle Selbstverteidigung: https://siebenundvierzig.wordpress.com/
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