Avaaz

Viel Wirbel wurde in letzer Zeit um Online-Petitionen der Organisation Avaaz gemacht, unter anderem hier, hier und hier. Gerne wird dabei verkündet, dass da etwas einzigartiges und ganz neues im Anmarsch ist; ein Hauch von Weltrevolution à la Web 2.0 gar.

Ein Besuch auf der Avaaz Homepage dürfte einen denkenden Menschen jedoch stuzig machen. Da gibt es mehrere Ungereimtheiten:

  • Avaaz beruft sich ständig auf demkoratische Werte, aber nirgends besteht, auch nach einer Anmeldung, die Möglichkeit Projekte oder Petitionen vorzuschlagen.
  • Al Gore, Gordon Brown und andere Vertreter des grossen Geldes treten als Werbeträger auf.
  • Der NGO Status von Avaaz wird unablässig betont, im Zeitalter gekaufter Graswurzelbewegungen und des Astroturfings ist das ein Zeichen, welches zur Vorsicht mahnt.

Wer hat’s erfunden?

Zum Glück reichen drei Gehirnzellen und etwa ebensoviele Google-Suchen aus, um ein wenig Licht ins Dunkel zu bringen. Avaaz könnte man eine Schwesterorganisation von MoveOn und GetUp! nennen. Die Pfade der Initiatoren – unter ihnen Ricken Patel, David Madden, Jeremy Heimans und Eli Pariser – dieser Internetphänomene kreuzen sich auf vielfältige Weise. Madden und Heimans, Unternehmer & australische Harvard-Absolventen sind vielleicht die wichtigsten Figuren und Ihre Lebensläufe sprechen Bände: Da tauchen ehemalige Arbeitgeber wie McKinsey & Company oder die Welthandelsorganisation WTO auf. Alles andere, als ausgewiesene Demokratieförderer oder Armutsbekämpfer und ebenso ist Harvard nicht gerade als Alma Mater der Sozialrevolutionäre bekannt.

Cause Marketing

Schliesslich stösst man über Heimans auf Purpose, eine Marketing-Firma. Aber nicht bloss irgendeine Marketing-Firma: Purpose creates 21st century movements. Darunter auch Avaaz. Ein kurzer Blick in die Wirtschaftspresse verrät den Rest der Geschichte. Heimans ist ein frischgebackener Star in Marketing- und PR-Kreisen, wird von Fachleuten bewundert. Er hat ein Problem gelöst, das vielen von Ihnen Kopfzerbrechen bereitete, er ist ein Vorreiter des Cause Marketings.

Im Zeitalter der freien Verfügbarkeit und Weiterverbreitung von Informationen wollte es den Werbern mit althergebrachten Mittel nicht mehr so recht gelingen, Firmen- und Marken-Images am Fliessband zu Produzieren. Ihre Methoden basierten auf monopolisierten Informationskanälen (Unter anderem auch «TV», «Freie Presse» oder «Journalismus» genannt.), und der Kontrolle von Kritik. Das alles war ihnen mitunter durch das Internet aus dem Ruder gelaufen. Bezeichnend für ihre Hilflosigkeit stehen Seminare mit Titeln, wie «10 Tipps, wie man das Multikanal-Monster bändigen und trainieren kann.». Menschen tauschen selbstständig Informationen aus, durchleuchten Geschäftspraktiken und wollen sich partout nicht mit ihrer Rolle als passive (Werbe-)Konsumenten zufrieden geben. Ein wahrer Alptraum für Propagandisten der alten Schule. Doch Heimans bietet eine Lösung an.

Man muss den Menschen – pardon, Konsumenten – das Gefühl geben, dass sie aus eigener Initiative etwas gutes tun, was wie durch Zufall eine privatwirtschaftliche Komponente mit sich bringt. Entweder man steht als Firma an der Seite einer NGO offen an vorderster Front einer Bewegung, wie etwa die Hersteller umweltfreundlicher Technologien in Klimaschutzangelegenheiten, oder man ist stiller, scheinbar zufälliger Nutzniesser. Eine positive Assoziation in den Köpfen ist der Firma in beiden Fällen sicher und weil es sich unbestreitbar um einen guten Zweck handelt, ist man gefeit gegen unliebsame Kritik und langes Überlegen von Seiten der Konsumenschen.  Die Handyverkäufe lassen zu wünschen übrig? Man lanciere eine Spendenkampagne («Blackout-proof the protests») die  aufruft, arabische Demokratiebewegungen mit modernen Kommunikationsmitteln zu versorgen!

Und wo ist nun der Haken?

Die Sache krankt an entscheidender Stelle, was den guten Zweck angeht. Man rufe sich in Erinnerung, dass es sich um Verkaufsförderung zwecks Profit handelt. Solche Kampagnen werden von Grossfirmen in Auftrag gegeben, und das natürlich nur, wenn am Ende der Rechnung ein Plus steht. Echtes soziales Engagement basiert aber definitionsgemäss auf Uneigennützigkeit. Cause Marketing hingegen ist eine Investition in das eigene Image und lässt sich auf Umwegen für jeden Zweck einspannen, sei der Auftraggeber nun eine Ölkonzern oder ein Genfoodhersteller. Die Bewegungen, welche Cause Marketing ins Leben ruft, werden notwendigerweise immer im Interesse eines grossen Profits für Wenige sein, und nie gegen ihre Interessen handeln können.

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Über siebenundvierzig

Intellektuelle Selbstverteidigung: https://siebenundvierzig.wordpress.com/
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