Novartis gegen die Welt

Am 28. Februar wird der von Novartis gegen Indien angestrengte Rechtsstreit um das Krebsmedikament Glivec in die letzte Runde gehen. Doch es geht um weit mehr als nur ein Medikament; der Präzendenzfall wäre wegweisend für weitere Klagen gegen die Generika-Industrie Indiens, die, aufgrund ihrer erschwinglichen Medikamentenpreise, als „Apotheke der Armen“ bezeichnet wird. Der sich nun schon über mehrere Jahre hinziehende Fall kann also über das Leben von Millionen Menschen entscheiden, die von der Versorgung mit bezahlbaren Generika abhängig sind. Es muss klar gesagt werden: Für Profite würde der Tod von Millionen in Kauf genommen.

Leider ist dies alles weder neu, noch erstaunlich. Die sogenannte Patent-Klippe, das auslaufen eines Patents und der damit verbundene Gewinnrückgang, ist eine der wenigen Sorgen der Pharma-Grosskonzerne. Im konkreten Fall geht es um die Frage, ob durch Modifikationen, die Novartis am Wirkstoff vornahm, eine Steigerung der Wirksamkeit erzielt werden konnte. Ärzte ohne Grenzen hierzu:

<<Novartis is seeking a patent in India on the salt form (mesylate) of imatinib (Brand name: Glivec). Claiming a patent on a salt form of an existing medicine is a common practice of pharmaceutical companies to extend the patent life – and therefore the monopoly and the high prices – of medicines. This is known as ‘evergreening’, and companies do this routinely to prevent generic competition.>> [Übersetzung: siehe Artikelende. Quelle: http://www.msfaccess.org/content/what-novartis-says-and-why-its-wrong#n%5D


Der Fall wurde rund um den Globus dokumentiert und bereits weit differenzierter besprochen, als es hier möglich wäre, deshalb sei für weitere Informationen auf die kleine Linksammlung am Ende des Artikels verwiesen.

Z’Basel a mim Rhy…

In der hiesigen „freien Medienlandschaft“ indes herrscht Stille. Suchen nach „Glivec“ liefern auf den Online-Portalen von BaZ und Tageswoche jeweils Null Resultate (Stand: 22.02.2012). Wenn berichtet würde, dann wäre es selbst für ein ideologisches Kampfblatt wie die BaZ schwierig, den Fall so darzustellen, dass die grundlegende Logik – Profite hier kosten Leben in Indien – nicht zum Vorschein käme. [Anmerkung vom 14.03.: Heute wurde schliesslich berichtet und dabei dieses Kunststück vollbracht; siehe hierzu den Nachtrag am Artikelende] Kein Medienunternehmen der Region kann ein Interesse daran haben, es sich mit einem wichtigen Anzeigenkunden und Partner für exklusive Interviews zu verscherzen. Zumindest nicht, wenn dadurch kein Ersatz zu gewinnen ist. Das selbe in Morin-Grün gilt natürlich für die Basler Regierung. Wie sollte sie der Grossmacht Novartis die Stirn bieten? Bei einem Anflug von Ungehorsam seitens des Rathauses deutet man als Novartis-CEO kurz an, dass es ja noch andere Orte gäbe, die gerne den Firmenhauptsitz beherbergen würden, und das Thema ist erledigt.  Arme Einwohner weit entfernter Länder sind weder potentielle Investoren, Werbekunden, noch kaufkräftige Konsumenten. In einem Wirtschaftssystem, für welches solche Aspekte die einzig relevanten sind, haben sie keine Stimme, keine Vertretung und kein Recht zu leben.

NACHTRAG VOM 14.3.2012: Heute hat die BaZ in der Printausgabe (S. 12 (!), Wirtschaftsteil) im Zuge der Berichterstattung über den analogen Bayer-Fall die Implikationen für Novartis erwähnt. Der Beitrag trägt den klar Stellung beziehenden Titel „Böses Omen für Novartis“, dementprechend werden auch die möglichen Konsequenzen der Verhandlung kaum ausgeführt: Keine Rede ist von den Konsequenzen für jene, die auf die Medikamente angewiesen sind. (Es sei z.B. an die Schlagzeile von The Hindu erinnert: „Ein Sieg von Novartis könnte für Millionen den Tod bedeuten“) Übrig bleibt die wahrheitsverzerrende Formulierung, dass „Hilfsorganisationen“ sich eine „bessere  Versorgung der breiten Bevölkerung mit Medikamenten erhoffen“.

Eine symptomatische Begebenheit trug sich auch im Dezember 2011 zu; die BaZ bestand auf die Zensur einer Anzeige, die Erklärung von Bern (EvB) bei ihr schalten wollte. Die Anzeige warb für eine Traueraktion, mit der EvB auf Todesfälle durch Syngenta-Pestizide aufmerksam machen wollte. Während die Tageswoche nichts an der Anzeige auszusetzen hatte, bestand man bei der BaZ auf Streichung von Namen und anderen Fakten. Ausführlich Nachlesbar auf „Persönlich.com“ (Online-Portal der Schweizer Kommunikationswirtschaft)

Links zu Thema

Bereicht der Rundschau vom 18.01.2012 auf dem SF Videoportal

Artikel in The Hindu vom 6.9. 2011: „A victory for Novartis could spell death for millions

Glivec-Dossier der Erklärung von Bern (EvB)

Ärzte ohne Grenzen: „Novartis: Ein Pharma-Riese gegen die Apotheke der Armen“, 14.02.2012

Beitrag im New Internationalist vom 29.11.2011

ÜBERSETZUNG: <<Novartis will in Indien ein Patent auf die Salzform von Imatinib (Markenname: Glivec). Ein Patent auf eine Salzform einer existierenden Medizin zu beanspruchen ist eine gängige Praxis von Pharmaunternehmen um die Laufzeit von Medizinpatenten – und somit das Monopol sowie hohe Preise – zu verlängern. Dies ist als „immergrünen“ bekannt und ein routinemässiges Vorgehen von Firmen, um Konkurrenz durch Generika zu verhindern.>>

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Über siebenundvierzig

Intellektuelle Selbstverteidigung: https://siebenundvierzig.wordpress.com/
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