Die Zeichen stehen auf Krieg I

Der Iran, zwischen zwei besetzten Nationen gelegen. (Quelle: CIA World Factbook)

Seit Jahren werden Vorbereitungen für einen Krieg gegen den Iran getroffen. Einerseits  wurden die Bevölkerungen in Europa und den USA einem ausgedehnten Propagandafeldzug unterworfen, ganz so wie es im Vorfeld beider Golfkriege und dem Angriff gegen Afghanistan geschah. Allzu frisch ist die Erinnerung an unauffindbare Massenvernichtungswaffen im Irak (Diesmal unauffindbar im Iran). Andererseits werden die nötigen militärischen Vorkehrungen für einen Angriff durch die USA und Israel getroffen. In den ersten Teilen dieses Beitrags sollen die einzelnen Propagandamythen näher betrachtet werden.

Eine Plagiatsaffäre

Durch die „Berichterstattung“ über den Iran und insbesondere seinen Präsidenten zieht sich ein ominöser Unterton. Unablässig wird suggeriert, es handle sich um einen unberechenbaren Feind, der zu allem fähig ist; der Westen beim Volk verhasst; der Präsident ein wahnsinniger Kriegstreiber (Blick: „Der Hetzer von Teheran“). Fakten spielen dabei keine Rolle. Es lohnt sich die Chronologie einer solchen Propagandalüge nachzuzeichnen.

Da gab es zum Beispiel Ahmadinejads angebliche Aufrufe zur Auslöschung Israels. Eine kleine Auswahl aus der deutschprachigen Presse:

Handelsblatt – Ahmadinedschad hetzt erneut gegen Israel [25.08.2011, 15:45 Uhr]

Zeit Online – Ahmadinedschad: Iran will Israel «auslöschen» [25.08.2011, 15:54 Uhr ]

20 Minuten – Iran will Israel auslöschen [25.08.2011, 16:57]

NZZ -Ahmadinejad stösst wieder düstere Drohungen aus/ Auslöschung Israels als festes Ziel der iranischen Politik [25.08.2011, 16:55]

Mit militärischem Gehorsam geben vier Blätter innerhalb einer Stunde eine fast wortgleiche Meldung heraus, oder geben sie weiter, sollte man besser sagen. Es wurde wohl abgeschrieben. Knapp zwei Stunden zuvor nämlich, um 14:00, berichtete die israelische Tageszeitung Haaretz  unter dem Titel „Ahmadinejad: Iran is determined to eradicate Israel“ die selben Worte auf Englisch:

<<Iranian President Mahmoud Ahmadinejad said that Iran was determined to eradicate Israel, ISNA news agency reported Thursday.

„Iran believes that whoever is for humanity should also be for eradicating the Zionist regime (Israel) as symbol of suppression and discrimination,“ Ahmadinejad said in an interview with a Lebanese television network, carried by ISNA. […] „Iran follows this issue (the eradication of Israel) with determination and decisiveness and will never ever withdraw from this standpoint and policy,“>>

[Man beachte, dass die NZZ die eingefügten Klammern, die kaum aus der direkten Rede, sondern eher von Haaretz stammen, direkt übernahm. ]

Es fällt zunächst auf, dass Ahmadinejad eigentlich vom Regime, also der Regierung spricht, nicht von einem Land oder seiner Bevölkerung. Das ist ein nicht unwesentlicher Unterschied, der nur selten in den deutschen Artikeln auftaucht. Wenn jemand die Abschaffung des Südafrikanischen Apartheid-Regimes fordert, dann ist das nicht das selbe, wie die Forderung nach der Vernichtung Südafrikas. Die schon oben erwähnten Klammern, wie sie von der NZZ übernommen wurden, machen diese Gleichsetzung explizit. Ganz selbstverständlich wird auch „whoever“ in allen Interpretation durch „der Iran“ ersetzt. Darüber hinaus dürfte es sich bei „eradicate“ um die gleiche

Ayatollah Ali Chamene'i, Staatsoberhaupt des Iran, nicht zu verwechseln mit Ruhollah Chomeini, seinem Vorgänger (Quelle: "Foundation of Holy Defence Values, Archives and Publications", Website: http://www.sajed.ir)

Fehlübersetzung handeln, die schon 2005 in Bezug auf eine analoge Aussage Ahmadinejads gemacht wurde; die Verwendung eines transitiven (to eradicate), statt eines intransitiven Verbs (z.B. to vanish). Ahamdinejad bezieht sich bei solchen Aussagen schliesslich immer auf die selben Zitate des Ayatollah Chomeini. Professor Juan Cole, Historiker (Spezialist für den modernen Nahen Osten und Südasien) an der Universität Michigan hierzu auf seiner Seite „Informed Comment„:

<<The phrase he then used as I read it is “The Imam said that this regime occupying Jerusalem (een rezhim-e ishghalgar-e qods) must [vanish from] from the page of time (bayad az safheh-ye ruzgar mahv shavad).”

Ahmadinejad was not making a threat, he was quoting a saying of Khomeini and urging that pro-Palestinian activists in Iran not give up hope– that the occupation of Jerusalem was no more a continued inevitability than had been the hegemony of the Shah’s government.>> [Quelle: http://www.juancole.com/2006/05/hitchens-hacker-and-hitchens.html%5D

Abschliessend soll hier die grösste aller Ketzereien begangen werden; wir wollen einmal hören, was Ahmadinejad selbst zu sagen hat, hier in einem Interview mit dem iranischen PressTv (18.09.2008):

<<Press TV: So you did not threaten to wipe Israel off the map as an Iranian leader? That we will wipe Israel off the map?

Ahmadinejad: No. We say that the people of Palestine should have rights and when the people of Palestine exercise this right, this will happen. Where is the Soviet Union? The Soviet Union has been wiped off the map. What happened to the Soviet Union? The decision of the people, the vote of the people. When the people of the Soviet Union, the Russian people, were allowed to decide to take charge of their destiny, the Soviet Union disappeared. >>

Das ist ein gänzlich anderer Ton, als ihn uns die hiesige „freie Presse“ suggeriert. Zu Beachten ist auch, dass sich mindestens drei mal (2005, 2008, 2011) die gleiche Geschichte abgespielt hat: Eine vermeintliche Hassrede Ahmadinejads wird unisono falsch zitiert; Experten wie Juan Cole erheben Einspruch; es erscheinen vereinzelte Berichtigungen, aber trotzdem wird danach jede neue angebliche Hassrede völlig unkritisch angenommen und als Schlagzeile gebracht. Es interessiert nicht die Wahrheit, sondern die Propagandatauglichkeit im Interesse jener, die Krieg mit dem Iran wollen.

Es sollte klar gestellt werden, dass Ahmadinejad sicherlich ein Verbrecher, ein Unterdrücker seines Volkes und vielleicht ein Verrückter ist, aber kaum der grösste Despot in der Region. Die Herrscher Saudi-Arabiens, um nur ein Beispiel zu nennen, brauchen diesbezüglich keinen Vergleich mit zu scheuen und gehören zu den engsten Verbündeten des „Westens“. Ahmadinejads Aussagen über Israel enthielten stets auch die Botschaft, dass der Iran akzeptieren würde, was auch immer die Palästinenser für akzeptabel befänden, selbst wenn dies ein Leben in einem jüdischen Israel sei.

Einige Interviews mit Ahmadinejad

Dr. Ahmadinejad on Larry King | Sept. 22, 2010“ [Youtube, englisch]

Ahmadinejad gives exclusive interview to RT“ [Youtube, englisch]

Charlie Rose – Dr. Mahmoud Ahmadinejad, President of Islamic Republic of Iran | Sept. 20, 2010“ [Youtube, englisch]

In den nächsten Beiträgen soll das faktische Ausmass der militärischen Bedrohung anderer Staaten durch den Iran hinterfragt werden.

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Über siebenundvierzig

Intellektuelle Selbstverteidigung: https://siebenundvierzig.wordpress.com/
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