Die Zeichen stehen auf Krieg II

In Teil I wurde dargelegt, wie unsere Medien als einstimmige Propagandamaschine fungieren, um von Ahmadinejad und der iranischen Regierung das Bild eines fanatischen Feindes zu zeichnen, der vor nichts zurückschreckt. Ist dieses Bild in den Köpfen einmal etabliert, dann sind Ängste vor einem iranischen Erstschlag durchaus verständlich. Die Faktenlage indes ist eine andere, auch was die iranische Sicherheitspolitik und die vermeintliche Entwicklung der Atombombe betrifft. Dieser zweite Teil soll eine internationale Perspektive bieten, damit Fragen nach tatsächlichen Gefahrenquellen in sinnvoller Relation gesehen werden können. Teil III wird sich spezifisch mit dem Iran befassen.

Die Atombombe gehört ohne Zweifel zu den unrühmlichsten Errungenschaften der Menschheit. Um den Gefahren, die solche Waffen für uns alle darstellen, gerecht zu werden, muss der globale Kontext betrachtet werden. Bereits vor über fünfzig Jahren warnten Bertrand Russell und Albert Einstein vor den unberechenbaren Gefahren, die alle Kriege im atomaren Zeitalter mit sich bringen:

<<Wir sprechen hier nicht als Angehörige dieser oder jener Nation, dieses oder jenes Erdteils oder dieses oder jenes Glaubensbekenntnisses, sondern als menschliche Wesen, als Angehörige der Spezies Mensch, deren weitere Existenz zweifelhaft geworden ist. […]
Wir wollen versuchen, nicht ein einziges Wort auszusprechen, das bei einer Partei mehr Anklang finden würde als bei einer anderen. Alle schweben in gleichem Maße in Gefahr; und wenn erst die Gefahr erkannt worden ist, besteht die Hoffnung, daß man sie gemeinsam abwenden kann. Wir müssen lernen, auf neue Art zu denken. Wir sollten nicht mehr danach fragen, welche Mittel und Wege dem militärischen Siege der von uns bevorzugten Partei offen stehen. Solche Möglichkeiten gibt es nämlich gar nicht mehr. Vielmehr stehen wir vor der Frage, auf welche Weise eine militärische Auseinandersetzung, deren Folgen für alle Beteiligten unheilvoll sind, verhindert werden kann. Hier also liegt das Problem, nackt, furchtbar und unausweichlich: “Werden wir dem Menschen-geschlecht den Untergang bereiten, oder wird die Menschheit auf Krieg verzichten?“>> [Auszüge aus dem Russell-Einstein-Manifest von 1955]

In den seither vergangenen Jahrzehnten ist diese Gefahr – trotz dem Ende des kalten Krieges – noch grösser geworden. Atomwaffen sind fast überall auf dem Globus verteilt und moderne Bautypen haben eine nie gekannte Effizienz. Die Federation of American Scientists (FAS) schätzte im Juni 2011 die weltweite Anzahl der Atomwaffen auf über 20’000, davon etwa die Hälfte kurzfristig einsatzbereit.

[Link zu einer detaillierten FAS Karte der Kernwaffen-Standorte, Stand 2009]

Nuklearwaffen Besitz-Status Legende

Nuklearwaffen Besitz-Status, Legende; (Quelle: s.o.)

Die obige Karte ist missverständlich, weshalb hier einige Anmerkungen vonnöten sind:

Der „ungeklärte Status“ im Falle Israels bezieht sich auf den Fakt, dass Israel nach einhelliger Expertenmeinung ein Nuklearwaffenprogramm besitzt (Schätzungen sprechen von 75-200 Sprengköpfen), jedoch keine Informationen darüber preisgibt und jegliche internationale Kontrolle verweigert. Israel gehört somit neben Indien, Nordkorea und Pakistan zu den Atommächten, die den Atomwaffensperrvertrag nicht unterzeichnet haben. Des weiteren werden dadurch regionale Bestrebungen zur Einrichtung einer kernwaffenfreien Zone zunichte gemacht.

Nukleare Teilhabe“ bedeutet, dass in diesen Ländern (Deutschland, Italien, Belgien, Holland und Türkei) einsatzbereite amerikanische Nuklearwaffen gelagert werden und mit Einverständnis der USA von diesen Ländern eingesetzt werden können. Dieser Zustand verletzt und untergräbt den Atomwaffensperrvertrag.

Die Kategorie „vermutetes Atomwaffenprogramm“ umfasst hier drei sehr unterschiedliche Fälle, die darzulegen den Rahmen dieses Beitrags sprengen würden; natürlich soll aber auf den Iran im nächsten Beitrag eingangen werden.

Die unkontrollierbare Gefahr

Die Weiterverbreitung von waffentauglichem Material aus den Beständen der existierenden Nuklearmächte durch Korruption und Schmuggel stellt dabei eine alltägliche Gefahr dar, die nie völlig beherrscht werden kann, solange es diese Bestände gibt. Schon kleine Mengen (weniger als 1 Kg) reichen für die Konstruktion „schmutziger Bomben“ und selbst die Herstellung einer echten Kernwaffe nach dem Kanonenprinzip – in etwa der Bautyp der Hiroshima-Bombe „Little Boy“- ist verhältnismässig simpel.

Noch verheerendere Folgen kann eine Fehlfunktion der „Hair-trigger“-Systeme haben, an welche die einsatzbereiten Waffen gekoppelt sind. Derartige Fehlfunktionen sind in hoch komplexen Systemen eine statistische Wahrscheinlichkeit, die sich ebenfalls nie völlig ausschliessen lässt. (Es sei noch an die sehr unterschiedlichen technologischen Standards der Nuklearmächte erinnert.) Zu allem gesellt sich stets die Möglichkeit menschlichen Versagens. (Siehe: „System accident„, auch „Normal accident“ genannt. Ein Beispiel hierfür ist die Kernschmelze im Atomkraftwerk auf Three Mile Island)

Erst 2002 erfuhr die Welt, dass man bereits 1962 – im Verlauf der Kubakrise – nur um Haaresbreite an einem Nuklearkrieg vorbei schrammte. Die drei Offiziere eines russischen U-Bootes glaubten damals, sie würden Angegriffen, also dass der offene Krieg ausgebrochen sei. Der Kapitän liess einen Nukleartorpedo abschussbereit machen. Zum Abschuss war das einstimmige Votum aller drei erforderlich und einzig das Veto des stellvertretenden Kapitäns Arkhipov verhinderte den Torpedostart, der automatische Gegenreaktionen der Amerikaner und deshalb wahrscheinlich einen Nuklearkrieg zur Folge gehabt hätte.

<<… the most dangerous moment in history,>>

Arthur Schlesinger (Nach Noam Chomsky, Hegemony or Survival)

<<… a guy called Vasili Arkhipov saved the world.>>

Thomas Blanton, Direktor des National Security Archive (Quelle: Boston Globe, 13.10.2002)

Wer sich also ernsthafte Sorgen um Gefahren durch Kernwaffen macht, muss all dies in Betracht ziehen. Unabhängig von jeglicher Politik  geht von jeder Atommacht eine Gefahr für die Menschheit aus. Es gilt, wie immer, zunächst „vor der eigenen Türe zu wischen“. Anklagen an die Adresse des Iran sind reichlich absurd, wenn sie aus Ländern kommen, die sich selbst durch internationale Verträge zu Abrüstungsmassnahmen, oder den Verzicht auf ein nukleares Arsenal verpflichtet haben, aber diesen nicht nachkommen.[1]  Wer sich selbst diesbezüglich „Gesetzeslos“ erklärt, kann anderen ebenfalls keine Verstösse gegen Recht, das man selbst nicht anerkennt, anlasten.[2]

[1]Dies betrifft vor allem die USA, Grossbritanien, Frankreich, Deutschland, Italien, Holland und Belgien. Siehe: Atomwaffensperrvertrag; Strategic Arms Reduction Treaty

[2]Als da wären: Indien, Israel, Pakistan, Nordkorea.

Grosse Lösungsansätze und kleine Inseln

Diego Garcia (rote Markierung) wird als "fixer Flugzeugträger" für Bombermissionen genutzt. (Erstellt mit OpenStreetMap)

Eines der wichtigsten zu Verfügung stehenden Werkzeuge um die globale Gefahr durch Kernwaffen einzudämmen, stellen kernwaffen- freie Zonen dar. Durch die Einrichtung solcher Zonen gelang es bisher, beinahe die gesamte Südhalbkugel von Nuklearwaffen zu befreien. Der letzte Schritt auf diesem Weg sollte der Vertrag von Pelindaba darstellen, der Afrika zu einer solchen Sperrzone erklären würde, wäre da nicht Diego Garcia, eine kleine Insel im Chagos-Archipel. Die Bewohner dieses Eilands wurden von Briten und Amerikanern vor vierzig Jahren vertrieben, um Platz für eine amerikanische Militärbasis zu schaffen. Heute beherbergt es eine der wichtigsten und teuersten amerikanischen Militärbasen. Grossbritanien zog laut einer Wikileaks-Depesche in Betracht, die Region zu einem Naturschutzgebiet zu erklären, um so  Ansprüche der ehemaligen Bevölkerung auf eine Rückkehr endgültig zunichte zu machen. Es versteht sich von selbst, dass die Militärbasis bleiben darf.

Diego Garcia ist strategisch einflussreich gelegen, so wurden von der Insel aus Bombermissionen im Zuge der illegalen Invasionen des Iraks und Afghanistans geflogen. Um sich die Option offen zu halten, auch dort Atomwaffen zu lagern, verweigert die USA eine Ratifizierung des Vertrages von Pelindaba und tut dies mit Unterstützung durch Grossbritanien und Frankreich. Zweifelsohne würde Diego Garcia auch in einem Krieg gegen den Iran eine entscheidende Rolle spielen, und das Festhalten an der „Nuklear-Option“ im Falle dieser Insel gibt dem Ganzen eine furchterregende Tragweite.

Weitere Informationen zu Diego Garcia finden sich im Bulletin of Atomic Scientists: „Diego Garcia: A thorn in the side of Africa’s nuclear-weapon-free zone“ und der New York Review of Books: „A Black and Disgraceful Site“.

Es konnten hier nur einige, der vielen Ungereimtheiten, die das Verhalten „westlicher“ Regierungen prägen, gestreift werden. Doch es sollte klar geworden sein, dass ihre Forderungen, die im Namen von Recht und Sicherheit ausgesprochen werden, in den Ohren anderer zurecht heuchlerisch klingen müssen.  Wenn man glaubwürdig um Sicherheit besorgt sein will, dann sollte man zuerst aufhören selbst eine Gefahr zu sein.

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Über siebenundvierzig

Intellektuelle Selbstverteidigung: https://siebenundvierzig.wordpress.com/
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