Kommentar: Wikileaks, Indoorsport und Demokratie

Wikileaks hat sich vor wenigen Tagen mit der Veröffentlichung der internen E-Mail-Korrespondenz des Privatgeheimdienstes STRATFOR zurückgemeldet. Die durchaus interessante Mischung aus geopolitischen Analysen und Bürogeplauder sorgt, wie schon die Cablegate-Enthüllungen, für vielsagende Reaktionen und lehrreiche Déjà-Vus.

Ganz wie vor einem Jahr liegt der Medienfokus auf Assange. Diskutiert werden mit Vorliebe die Motive, der Zeitpunkt und die juristische Einordnung der Veröffentlichung. Gerne wird auch relativiert: Der Inhalt sei ja eigentlich nichts neues (Handelsblatt: „harmlos“), wer Zeitung lese, der wisse bereits das meiste (so behaupten zumindest … Zeitungen). Die ganzen Argumentationen sind nicht gerade einleuchtend. Einerseits sei Geheimhaltung „von oben“ eminent wichtig, doch andererseits werde da nichts geheimgehalten, das man nicht sowieso schon wisse. Der Grundtenor bleibt seit Cablegate auf verräterische Weise der selbe, nämlich, dass man die Sachen sicher nicht lesen müsse.

Doch die STRATFOR-Mails erzählen soweit, wie zuvor die Botschaftsdepeschen, vor allem eines: Demokratie ist ein Hirngespinst in den Köpfen der Bevölkerung.

In diesen Politik- und Wirtschaftsanalysen von Botschaftern und Spionen werden die subtilsten Beobachtungen über die Interessen, die Stärken und Schwächen einzelner Firmen und Politiker, verschiedener Wirtschaftsverbände und Aktivistengruppen mitgeteilt. Alles könnte die strategischen Prognosen beeinflussen, nur eines nicht: Die Öffentlichkeit. Die Meinung der Bevölkerung taucht hie und da als minderes Hindernis bei der Verwirklichung von Plänen der verschiedenen Auftraggeber auf und muss dann entsprechend manipuliert werden. Ansonsten ist das gesellschaftliche Klima in einem Land für die Analysten so interessant, wie das Wetter für einen Hallenfussballer; solange der Wind nicht droht, das Dach weg zu reissen, kann man es getrost ignorieren. Diese Beobachtung sagt mehr, als die meisten Fakten, die Geheimdokumente überhaupt verbergen könnten. Ergebnisoffene demokratische Willensbildung ist ein Märchen aus den Schulbüchern, das ist die wahre Lektion, die uns die Dokumente erteilen können. Sie erzählen, wie in unzähligen Fällen die öffentliche Meinung eingespannt, gemacht, verändert, oder ignoriert werden kann.  Ein Einfluss der Bevölkerung auf ihr eigenes Schicksal ist so wenig vorhanden, wie der Respekt für ihre Meinungen von Seiten der Eliten.

Diese Lehre konnte man schon aus den Botschaftsdepeschen ziehen und nun findet man sie in den STRATFOR-Mails bestätigt. Daneben bieten die neuen Enthüllungen Einblicke in eine unromantische, aber in der Tat nicht überraschende Welt. Eine Welt, in der Grosskonzerne und Regierungen Spione auf Bürgerrechtler, Naturschützer und sowieso alles, das Spuren von Ethik enthalten könnte, ansetzen. Eine Welt, deren internationale Politik einem ununterbrochenen, hinter den Kulissen geführten, Krieg gleicht und deren nationale Politikbühnen Selbstbedienungsläden für jeden sind, der sich Einfluss erkaufen kann.

Ob die neusten Dokumente mehr zu bieten haben, ist indes noch unklar. Am Tag ihrer Veröffentlichung warnte Assange, die grosse Sensation sei in vier bis fünf Tagen, also vielleicht schon heute, zu erwarten.

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Intellektuelle Selbstverteidigung: https://siebenundvierzig.wordpress.com/
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