Wohnungslos in Deutschland

[Nachtrag zum Artikel „Wagenplätze und Wohnungslose„]

Der Mangel an bezahlbaren Wohnungen in deutschen Städten scheint sich herumgesprochen zu haben. „Impulse für den Wohnungsbau“ – eine PR-Kampagne, welche die Agentur WPD-Relations im Auftrag der Bau- und Immobilienbranche durchführt – lud am 1. März zur Pressekonferenz unter dem Titel „Soziale Schieflage: Deutschland gehen bezahlbare Wohnungen aus„. Es wurden zwei Studien vorgestellt, die belegen sollen, dass in Deutschlands Städten eine Wohnungsnot drohe.

Tags darauf liefert eine Google-News-Suche nach „Impulse für den Wohnungsbau“ etwa 100 Nachrichtenartikel; jedes Medium von Rang und Namen berichtet, die meisten völlig unskeptisch, die Ergebnisse der Studien. Wohlgemerkt – wie aus dem Artikel „Wagenplätze und Wohnungslose“ hervorgeht, ist ein Mangel an bezahlbaren Wohnungen unstrittig vorhanden, doch die Fragen, ob einzig die Preise zu hoch sind, oder ob es gleichzeitig insgesamt zu wenige Wohnungen gibt, sollten nicht durcheinander gebracht werden.

Als Verfasser einer der beiden Studien zeichnet Prof. Volker Eichener verantwortlich und wird dementsprechend in den Medien als Autorität zitiert. Eichener ist Forschungsleiter des  EBZ, des „Europäischen Bildungszentrums der Wohnungs- und Immobilien-wirtschaft„, von welcher das Institut auch finanziert wird. Im Jahr 2005 hielt Eichener, als Vertreter des EBZ, einen Vortrag vor Brancheninsidern, unter dem Titel „Wohnungswirtschaft und Stadtentwicklung“ (Pdf-Download seiner Powerpoint-Präsentation). Dort referiert er anscheinend über die Frage:

Wie kann die Immobilienbranche im Zeitalter gesättigter Märkte  noch Geld verdienen? (Siehe z.B. Seite 10 der Präsentation)

Gesättigte Märkte bedeuten hier nichts anderes, als dass ein Überangebot an Wohnungen bestehe. Eicheners Präsentation spricht von einem Überangebot in Städten (S. 8) und sich entwickelnden Überkapazitäten in vielen Regionen (S. 9).  Diese Aussagen decken sich z.B. mit dem „empirica Leerstandsindex“ (3.7% der Wohnungen leerstehend; aktuellste Erhebung; 2008) oder den Angaben des Bundesamtes für Statistik (Leerstandsquote: 8.1%; aktuellste Erhebung; 2009) und lassen sich nur schwer mit den Schlagzeilen nach der Pressekonferenz vereinbaren. Aus den verschiedenen Zahlen ist ersichtlich, dass es schwierig ist, genaue Angaben zu diesem Thema zu machen, doch generell lässt sich Feststellen, dass es sehr wohl genügend Wohnraum für alle Menschen in Deutschland gäbe. Einig sind sich die Statistiken auch darin, dass  im Osten das Überangebot (6.6% laut empirica; 12.4% laut BfS) durch Abriss sogar Abgebaut wurde und sich die West- und Ostdeutschen Quoten einander annähern, also das eine leichte Zunahme in den alten Bundesländern zu verzeichnen ist.

Abreissen!

In seiner Präsentation aus dem Jahr 2005 empfiehlt Eichener die Gentrifizierung als Chance für die Immobilienwirtschaft (siehe S. 4, auch „New Urbanism“, S. 15 & 16), also das Aufwerten von Quartieren, unter anderem durch Abriss und darauffolgenden „höherwertigen“ Neubau. Dies bringt selbstverständlich lukrative Bautätigkeit, höhere Mieten/Verkaufspreise und somit höhere Margen und mit sich. Die Interessen der Bau-, Kredit- und Immobilienbranchen (siehe Initiantenliste der Kampagne) gehen dabei Hand in Hand. Ähnliche Potentiale sieht er im „Seniorenwohnen“; wenn man sich genau auf die Bedürfnisse der Zielgruppe einstellt, kann man im gesättigten Markt überleben. Selbstverständlich ist das Interesse an einer Zielgruppe stark von deren Einkommen abhängig. Unter diesen Gesichtspunkten lassen sich nun auch die Forderungen der Kampagne verstehen, die schon vor den Studien feststanden:

<<Eine höhere Förderung von Abriss und Neubau wird als sinnvoll
eingeschätzt.>> [Quelle: Studie der Prognos AG „Wohnungsmangel in Deutschland – Auswirkungen und Ansätze zur Überwindung“/ SUMMARY, im Aufrag der Impulse-Kampagne, 2010.]

Neben der Wiedereinführung der degressiven Abschreibung (Einkommensabhängig und somit eine weitere Konzentration des Wohneigentums bei Vermögenden zur Folge habend.) werden in allen Formen Abriss und Neubau gefordert:

<<2. Gleichstellung der Förderung von Sanierung und Neubau/Bestandsersatz in den KfW-Programmen>> [Quelle: siehe oben]

und

<<3. Aufstockung des KfW-Programms für „Altersgerechtes Bauen“ und Erweiterung auf Neubau/Bestandsersatz>> [Quelle: s.o.]

Wie die Wohungen sich durch Abriss und Neubau verbilligen sollten, bleibt dabei ein Rätsel. Diese Zitate stammen aus dem älteren Forderungskatalog der Impulse-Kampagne und sind weitestgehend identisch mit jenen, die aus den neue Studien „resultieren“. Ein Schelm, wer böses dabei denkt.

Um den sozialen Wohnungsbau zu fördern wird neuerdings auch eine entsprechende Zweckbindung der Fördermittel verlangt. Doch der Grundgedanke bleibt ganz offensichtlich der selbe: Neubau durch private Investoren ist das einzige Heilmittel, an andere Optionen darf nicht gedacht werden. Dabei gäbe es durchaus zumindest Fragen zu Alternativen:

  • Wieso können die leerstehenden Wohnungen nicht genutzt werden?
  • Weshalb kommt staatliche Förderung für Private, die damit Profite erwirtschaften wollen, aber kein direkt staatliches Bauprogramm in Frage? Könnten ohne den Profithintergrund nicht tiefere Mieten resultieren?

Natürlich kann man diese Perspektive nicht von der Kampagne erwarten, da sie existiert, um in der Bau-, Immobilien- und Kreditwirtschaft für mehr Profite zu sorgen, doch dass der Mieterbund sich dafür einspannen lässt und dass die wenigsten Pressberichte die offensichtlichen Motivationen der Kampagne auch nur erwähnen, das sollte zu denken geben.

PS: Wie es sich für gute PR-Kampagnen gehört, gibt es auch vorgefertigte Pressephotos („Der Abdruck der Fotos ist honorarfrei.“); na dann…

Lobbying beim parlamentarischen Frühstück in der Reichstagskuppel

Lobbying beim parlamentarischen Frühstück in der Reichstagskuppel. (Quelle/Photo: Kampagne bzw. Aktion Impulse für den Wohnungsbau.)

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Über siebenundvierzig

Intellektuelle Selbstverteidigung: https://siebenundvierzig.wordpress.com/
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