Der Brandbrief aus der Wall Street

Der Banker Greg Smith hat in seinem Gastbeitrag in der New York Times „ausgepackt“ und das unmenschliche Klima bei seinem zukünftigen Ex-Arbeitsgeber beschrieben. Die Gier greife um sich, der Kunde werde ausgenommen und hinter vorgehaltener Hand ausgelacht, so Smith, der zwölf Jahre im Dienst von Goldman Sachs stand. Die Empörung, klar zu lesen, was alle schon ahnten, ist auch ausserhalb der Branche gross – aber sie ist verfehlt.

Um zu verstehen, weshalb die derzeitige Entrüstung am Ziel vorbei geht, muss man sich vor Augen halten, von welchem Geschäftsfeld hier gesprochen wird. Goldman Sachs ist eine Investment Bank; sie legt das Geld ihrer wohlhabenden Kunden in gewinnbringenden Operationen an. Wikipedia über Goldman Sachs:

<<Die Goldman Sachs Group, Inc. (kurz: GS) ist ein weltweit tätiges Investmentbanking– und Wertpapierhandels-unternehmen mit Sitz in New York. Goldman Sachs ist hauptsächlich als Finanzdienstleister für Großunternehmen und institutionelle Investoren tätig, daneben existiert ein kleiner Zweig für wohlhabende Privatkunden.>>

Goldman Sachs ist also keine Bank „des kleinen Mannes“ – Smith im Brief über seine Kunden:

<<Im Verlauf meiner Karriere hatte ich das Privileg, zwei der grössten Hedgefonds auf diesem Planeten, fünf der grössten Vermögensverwalter der Vereinigten Staaten und drei der prominentesten Staatsfonds des mittleren Ostens und Asiens zu beraten. Meine Kunden haben einen Gesamtvermögenswert von mehr als einer Billion [sic] US-Dollar.>> [Quelle: „Why i am leaving Goldman Sachs“; 14.3.2012, NY Times. Übersetzung durch Siebenundvierzig.]

Der Banker sagt im Grunde nichts weiter, als dass die Investitionen nicht mehr im Sinne dieser Kunden ausgeführt werden, sondern im Sinne der Bank. Das heisst, dass sie nicht maximalen Ertrag für den Kunden erbringen, denn dies ist schliesslich der Grund, weshalb die Kunden überhaupt im Geschäft sind. Das eigentliche Problem hierbei ist nicht das mangelhafte Ausführen dieser Aufgabe, sondern die Aufgabe selbst. Solange Ölbohrfirmen, Kernkraftwerke, Sweatshops und ähnliche Geschenke an die Zivilisation gewinnbringende Investitionsmöglichkeiten sind, ist es nebensächlich, wie gewissenhaft eine Bank die Gelder behandelt, die ihr Kunden anvertrauen. Es ist ebensowenig Gier – im Sinne unmoralischen Handelns – in diesen Geschäften vorhanden, wie im Beutetrieb eines Raubtieres. Das ist das normale Funktionieren, der Zweck der Sache. Ob nun in Produkte investiert wird, die den Kunden, oder der Bank mehr einbringen, ist für jene, die mit den Konsequenzen der Investitionen leben müssen, ein und das selbe: Wenn man in der Nachbarschaft eines Atomkraftwerkes leben darf, dann macht es keinen erkennbaren Unterschied, wer an seinem Bau am meisten verdient hat.

Um es mit der Raubtiermetapher zu sagen: Wie ein Beutejäger suchen solche Investoren den maximalen Gewinn – die grösste Beute, hier mit Hilfe einer Bank, also einem ähnlichen Raubtier. Wenn nun diesem unerbittlichen Beutejäger durch die Bank etwas von seiner Beute abgejagt wird, dann ist das höchstens für ihn selbst ein Grund zur Empörung. Die Gesellschaft sollte nicht vergessen, dass sie die Beute ist.

"Hedge Fund" von Peter Saul, photographiert durch C-Monster. (Quelle:http://www.flickr.com/photos/arte/2089994921/)

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Über siebenundvierzig

Intellektuelle Selbstverteidigung: https://siebenundvierzig.wordpress.com/
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4 Antworten zu Der Brandbrief aus der Wall Street

  1. Paul Breitner schreibt:

    Super Perspektive der Angelegenheit.

  2. nordstadt schreibt:

    Reblogged this on Die Linke in der Nordstadt (Braunschweig) und kommentierte:
    Mal über den lokalen Tellerrand geschaut …

  3. Fritz B. Simon schreibt:

    Das ist was dran… FBS

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