Pressekritik: Die Mär vom gierigen Manager

In der Tageswoche vom 25. 1. 2013 bricht W. Vontobel die soziale Revolution los: „Der Mann, der die Schwelle senkte“ lautet der Titel seines aufrührerischen Artikels, der sich mit dem scheidenden Novartis-Präsident Vasella befasst [1]. Auf den ersten Blick scheint es ein skeptischer Artikel zu sein, der aber eigentlich niemals die etablierten Schranken zulässiger Kritik verlässt.

Vasella habe „die Dominanz der Wirtschaft über die Politik etabliert“ und Novartis unter ihm die „demokratische Kultur korrumpiert“ [Vontobel]. Vontobel impliziert damit, dass es sich bei der Übermächtigen Stellung der Wirtschaft um ein Novum handelt. Es ist wichtig, dies gesagt zu bekommen, denn zu leicht könnte ein Blick auf die faktische Bilanz unserer Politik suggerieren, dass es schon immer so war. Wenn es um Ideologie geht, sollte man sich nicht mit Fakten aufhalten, das stiftet nur Verwirrung – deshalb: Wir leben in einer – wenn nicht gar DER – Demokratie und blicken auf eine lange humanitäre Tradition zurück, gleichgültig was die Geschichtsbücher darüber zu sagen haben. Vontobels Prämisse ist bloss eine weitere Instanz dieser unkritischen Selbsteinschätzung.

Wie dem auch sei; aktuell sei die Gier der Manager eines unserer grössten Probleme, so heisst es am linken Rand des heute offiziell zulässigen Meinungsspektrums. (Um Verwechslungen vorzubeugen: Dieser Rand befindet sich längst nicht mehr links von jenen Standpunkten, die einst die „politische Mitte“ bildeten.) Vontobels Kritik richtet sich entsprechend an die Art und Weise, wie die Vasellas dieser Welt uns regieren, und nicht an den Umstand, dass sie es tun. Diese „Kritk“ sieht in der strukturbedingt unerbittlichen Profitsuche der Konzerne und ihrer Manager eine Stil- und Kulturfrage, also nichts, dass uns zum Nachdenken über unser Wirtschaftssystem an für sich veranlassen müsste. In dieser Sichtweise wollen und brauchen wir die Wirtschaftsautokraten, doch wir bitten darum, dass sie uns ihr „dann sollen sie doch Kuchen essen“ nicht zu offen in’s Gesicht sagen. Also alles in allem: Keep calm and carry on.

Wehe jenen, die einen Schritt weiter denken möchten, denn „[a]ls aussenstehender Beobachter kann man Vasellas unternehmerische Leistung schwer beurteilen. Welche Kriterien soll man anlegen?“[ebd.]. Zum Glück sagt uns Vontobel wenig später, mit welchem Mass gemessen werden soll: In Begriffen der „Erfolgsrechnung – insbesondere Gewinn und Umsatz – […] erstrahlt Vasella in hellem Glanz“ [ebd.]. Diese Erfolgsrechnung ist schliesslich das moderne Mass aller Dinge und ihre Hinterfragung undenkbar. Hierzulanden kommt diese Ideologie gerne unter dem Begriff „Werkplatz Schweiz“ [2] daher, gewissermassen ein Schwesterkonzept des Bruttosozialprodukts – Begriffe, die so verschleiernd, wie vielsagend sind. Der Zustand des Werkplatzes bezeichnet dabei eben diesen den Unternehmerischen „Erfolg“ einer Gesellschaft, unter völliger Missachtung der Konsequenzen dieses „Erfolges“ für die Menschen, auf deren Rücken er erwirtschaftet wird. Auch dem Bruttosozialprodukt ist es einerlei, ob der erwirtschaftete Reichtum in viele, oder nur Zwei Hände fliesst, geschweige denn, unter welchen Umständen er entstand.  Zweifellos hat z.B. die Sklaverei den „Werkplatz USA“ mit nach vorne gebracht und die Explosion einer Ölbohrplattform vor ihrer Küste das Bruttoszialprodukt in den angrenzenden Staaten gesteigert (Es wurden im Zuge der Reinigungsarbeiten nämlich 40 000 Stellen geschaffen, so argumentiert BP vor Gericht gegen verlangte Entschädigungen[3]). Kurzum sind derartige Erfolgsrechnungen zynische und Menschenverachtende Konzepte, die – erst einmal akzeptiert – in ihren Auswirkungen alle Stil- und Kulturfragen zu absoluter Bedeutungslosigkeit verdammen.

Nach dem also die wichtigen Fragen aussen vor gelassen werden, kann die Tageswoche vermeintlich rebellisch über die „Tricks“ von Vasella lästern und gleichzeitig unterwürfig um etwas „Scham“ bei Managerlöhnen betteln [Vontobel]. Unheimlich ist dabei, wie willig sich der Journalismus in die Position eines Hofnarren begibt, dessen Kopf rollt, sobald er der Wahrheit zu nahe kommt. Jedenfalls lohnt es sich für ihn, zu betonen, dass Vasella im Grunde doch „sympatisch und intelligent“[ebd.] sei, was auch immer das mit einer sachbezogenen Diskussion zu tun haben mag.

Die Tageswoche widmet dem Thema in der Printausgabe drei Seiten, wovon eine lediglich aus einem Photo und der Überschrift besteht – ein Umstand der nicht weiter kommentiert werden muss. Und als ob sich der Hofnarr mit Vontobels Äusserungen schon drohend weit aus dem Fernster gelehnt habe, muss der von Mitgefühl für den gebeutelten Vasella strotzende Kommetar von Gerd Löhrer den Abschluss bilden („Recht hat er.“ [4]) Hoffnung machen einzig noch Leserreaktionen wie jene von Fritz Hochhuth[5], in der wenigstens das Wort „Kapitalismus“ fällt – eine Herstellung von Zusammenhängen, die wohl zu abwegig war, um im Artikel Erwähnung zu finden.

Fussnoten

[Dieser Text wurde auf Basis der Printausgabe der Tageswoche erstellt, doch der Artikel findet sich momentan auch online unter:]

http://www.tageswoche.ch/de/2013_04/basel/503973/der-mann-der-die-schwelle-senkte.htm

Der erwähnte Kommentar von Gerd Löhrer ist ebenfalls abrufbar:

http://www.tageswoche.ch/de/2013_03/basel/503919/vasella-ist-muede-geworden.htm]

[1] Vontobel, Werner: Der Mann der die Schwelle senkte. Tageswoche (Printausgabe) 4/2013, vom 25.1.2013, S. 16-18.

[2] Vgl. Leserkommentar von MAD99 in „Reaktionen“, Tageswoche (Printausgabe) 4/2013, vom 25.1.2013, S. 17: „Die Leute, die Vasella jetzt noch übel beschimpfen, sollten sich mal fragen, was sie denn für den Werkplatz Schweiz geleistet haben …

[3] Vgl. Nachrichtenagentur Reuters: BP objects to $34 billion oil spill claims sought by states, 5.2.2013. Online unter: http://www.reuters.com/article/2013/02/05/us-bp-spill-claims-idUSBRE91419T20130205

[4] Löhrer, Gerd: Vasella ist müde geworden. Tageswoche (Printausgabe) 4/2013, vom 25.1.2013, S. 18.

[5] Vgl. Leserkommentar von Fritz Hochhuth: Zeit zu Nachdenken in „Reaktionen“, Tageswoche (Printausgabe) 4/2013, vom 25.1.2013, S. 17.

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