Abschied von der Villa Rosenau – Gedanken über besetzte Häuser

In meiner Schulzeit war es die beste Art ein langes Wochenende ausklingen zu lassen. Wir, eine kleine Clique nur im Ansatz politisch denkender Kiffer, strandeten immer mal wieder im unvergessenen „Elsie“. Es gab dort diesen kleinen Saal im Parterre, in dem sich stets noch ein letztes Bier auftreiben liess, während draussen der Montagmorgen graute und auf dessen alten Sofas man wunderbar seinen Rausch ausschlafen konnte. Mit etwas Disziplin schaffte man es dann, rechtzeitig zur grossen Pause in der Schule einzutreffen, um dort den Geruch von Bier, Schweiss, Rauch und Freiheit zu verbreiten.

Ich bekam damals nur wenig mit von den zweifellos vielen Kämpfen, die die Bewohner des Elsi für ihre Selbstbestimmung führen mussten. Dennoch hatte dieser Ort und seine Bewohner auf mich eine besondere Wirkung. Da gab es etwas, das diesen Leuten mehr Wert war, als gut isolierende Fensterscheiben und grosse Fernseher; mehr Wert als einbruchsichere Haustüren und ein geordneter Alltag. Die Bewohner dieses Hauses behandelten uns mit einer selbstverständlichen Freundlichkeit und in einigen glaubte ich die ruhige Sicherheit des Handelns zu erkennen, die nur aus gelebtem Glück entsteht.

Das Elsie hat mir damals beigebracht, dass Menschen bereit sind viel zu riskieren, um den gesellschaftlich vorgezeichneten Bahnen zu entkommen. Dort konnte man diese Menschen treffen und dabei eindrücklich erleben, dass sie ihre Wahl alles andere als bereuen.  Solche Einsichten sind um so wichtiger in einer Gesellschaft, deren Regeln sich uns zunehmend als selbstverständliches Naturgesetz präsentieren. Ein besetztes Haus schafft inmitten dieser scheinbaren Unausweichlichkeit neue Perspektiven; es bietet Platz für Lebensentwürfe, die nicht auf Selbstbereicherung ausgelegt sind und Kultur, die sich nicht verkaufen muss.

Im Jahr 2003 wurde das Elsie geräumt und danach abgerissen (es darf vermutet werden, dass es im bürgerlichen Lager im Vorfeld Streitigkeiten über diese Reihenfolge gab), doch die Idee lebte weiter. 2004 wurde ein verbliebenes leerstehendes Haus der ehemaligen Sozialsiedlung Rosenau besetzt, liebevoll „Villa“ genannt, und in den Folgejahren zu einem Zentrum alternativer Kultur in Basel.
Es gab und gibt viele Besetzungsversuche in Basel – nur wenige sind den Medien Aufmerksamkeit wert – doch meistens fand sich ein Vorwand für eine schnelle Räumung. Die Villa indes konnte sich etablieren, wohl auch durch die Lage im unwirtlichen Industrieareal „begünstigt“. Viele der üblichen Rechtfertigungen – Nachbarn etwa, die sich, obwohl sie dazu nicht befragt wurden, gestört fühlen müssen –  konnten im Fall der Villa nicht bemüht werden. So hatte denn auch eine neue Generation JugendlicherInnen die Möglichkeit alternatives Denken in der Praxis zu erleben.

Selbst habe ich, wie mir vor allem jetzt schmerzlich bewusst wird, die Villa viel zu selten besucht oder unterstützt, doch es war gut, zu wissen, dass dieses gallische Dorf am Rande der Stadt existiert. Als ich aus der Zeitung schliesslich vom Brand erfuhr und Leserkommentare von „reinigendem Feuer“ sprachen, wurde mir klar, dass es – ungeachtet des tatsächlichen Ausmasses der Schäden – um den Fortbestand der Villa ging. Die Zeichen standen schlecht; ein neuer Sicherheitsdirektor, der sich profilieren will und eine in der Stadt um sich greifende „Aufwertungs“-Politik bilden eine ominöse Allianz. Die Gunst der Stunde wurde von offizieller Seite denn auch genutzt, und die Villa im Eilzugtempo dem Erdboden gleichgemacht. Es ging alles schnell und gewalttätig vor sich; so sehr, dass selbst die Tageswoche „Fragezeichen hinter [dem] Vorgehen der Behörden“ (Artikel von Renato Beck) sieht.
Eines ist offensichtlich: Jegliche Symbole der Möglichkeit von Widerstand müssen vernichtet werden. Während schon erste Spenden für Reparaturen gesammelt waren, wurden durch die Stadt Fakten geschaffen. Der Ausgang einer langwierigen öffentlichen Diskussion über das Thema ist viel zu unvorhersehbar für die Regierung, weshalb man ihr zuvorkommen musste.

Der Spuk, der nicht enden will

Ich bin sicher, dass in den Köpfen vieler unserer Sicherheitsfanatiker noch reichlich Erinnerungen an die Achtzigerjahre herumspuken, als die Forderung nach einem Autonomen Jugendzentrum in Basel immer breitere Unterstüzung gewann und die Dynamik des erwachenden Selbstbewussteins der Bevölkerung unkontrollierbar zu werden drohte. Das absolute Worst-Case Szenario aus Sicht der Behörden war und ist kaum das damals entstandene AJZ selbst. Dieses war, solange es existierte, extrem und chaotisch genug, um es für breite Kreise unattraktiv zu machen. Die alte Stadtgärtnerei hingegen war anders: Ihre Besetzung war gut geplant und die Aktivitäten in ihr breit gefächert; Musik & Kunst, Familienleben und politisches Bewusstsein gingen Hand in Hand. Sie war nicht eine verbarrikadierte Zufluchtsstätte für politscher Extremisten und Junkies, sondern ein einladender Ort der Freiheit und des Zusammenlebens, der deshalb auch grosse Unterstützung in der Bevölkerung fand.
Es sind diese Momente, in denen Leute die Gräben überspringen und damit „Divide et impera“ unmöglich machen, die so Gefährlich für unsere Fürsten sind.
Nun war die Villa sicher nicht das selbe wie die Stadtgärtnerei, aber sie war eben auch kein AJZ im obigen Sinn; sie behielt immer das Potential sich auf ihre eigene Weise in Richtung der Stadtgärtnerei zu entwickeln und deshalb musste Sie weg. Vor einiger Zeit sollte das Haus einer Grünfläche weichen – ein Stück Rasen, einsam im Industrieareal. Das war offensichtlich ein Vorwand, um das Haus loszuwerden. Bei diesem Versuch zeigte sich aber, dass die Besetzer Unterstützung in der Stadt mobilisieren können. Der politisch-bürokratische Weg erwies für die Gegner der Villa als holpriges Pflaster. Dürr hat die Lehre daraus gezogen und die sich bietende Gelegenheit genutzt, die Villa loszuwerden, ohne dass sich politischer Widerstand erst formieren kann.
Die hinter einer Besetzung stehende Idee ist aber nicht so leicht loszuwerden, solange wir es nicht zulassen und nachdem ich die „Jetzt erst recht!“-Stimmung des Trauermarsches vom Samstag erlebt habe, beschleicht mich das Gefühl, dass Dürr’s Aktion ihr neuen Aufwind gegeben hat.

Download (via Tageswoche.ch): Pressecommuniqué von Freundinnen und Freunden der Villa Rosenau

Photos von den Schäden und der Abrissaktion auf esbrenntweiter.wordpress.com

Spendenkonto „Villa Rosenau“

PC-Konto 60-611856-7, mit Vermerk „Villa Rosenau“
Verein OFF
Offenburgerstrasse 59
4057 Basel

Links zu Filmen und Texten über die Geschichte der Besetzungen im Basel der Achtzigerjahre (Ergänzungsvorschläge willkommen), gegliedert nach den Quellen:

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Über siebenundvierzig

Intellektuelle Selbstverteidigung: https://siebenundvierzig.wordpress.com/
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