Ewig schleicht die Werbung (Jetzt mit 100% mehr Zynismus!)

Heute ein kurzer Bericht von der Front der psychologischen Kriegsführung, auch „Werbung“ genannt. Heiss umkämpft ist derzeit natürlich Facebook – eine kleine Spurensuche zeigt im Ansatz, wie perfide dieser Krieg dort geführt wird.

Vor kurzem teilte ein Facebook-Freund ein Bild der Facebook-Page „Ich habe mich umgesehen, wir sind die Geilsten hier!“ (Nachfolgend „Die Page“ genannt). Die scheinbar typische „Humor-Page“  hat eine stolze Viertelmillion „Likes“. Ihre Beschreibung enthält Folgendes:

<<Diese Seite dient allein der Unterhaltung! Geiles Zeug könnt ihr immer an unsere Pinnwand posten.

Achtung! Es gibt keine Werbung oder Starthilfe!>>

Klingt ziemlich gewöhnlich (was auch immer der letzte Satz heissen mag). Doch das Impressum, eine ganze Seite Text, die nur über einen Link zu erreichen ist, liest sich schon anders. Wer das entsprechende Skript erlaubt und ganz nach unten scrollt, liest dort Folgendes:

<<§ 8 Amazon Partnerprogramm

Die Facebook Seite „Ich habe mich umgesehen, wir sind die geilsten hier!“ ist Teilnehmer des Partnerprogramms von Amazon Europe S.à r.l., ein Partnerwerbeprogramm, das für Websites konzipiert wurde, mittels dessen durch die Platzierung von Werbeanzeigen und Links zu amazon.co.uk / Javari.co.uk / amazon.de / amazon.fr / Javari.fr / amazon.it Werbekostenerstattungen verdient werden können.>>

[Quelle: https://www.facebook.com/diegeilsten/app_208195102528120 ]

Die Page wird also auch betrieben, um Leute zu Amazon zu lotsen bzw. um damit Geld zu verdienen. Sie „dient“ nicht „allein der Unterhaltung“ – soviel steht fest. Doch das ist bei Weitem nicht alles.

Alle auf der Facebook-Page geposteten Photos stammen von der selben Seite: „fruzzer.com“. Bei Videos heisst die Quelle stets „Spass-junkies.net“. Weiter gibt es kleine Rätsel, deren Lösung man über einen Link zu Amazon-Produkten erfährt – wir wissen nun, weshalb. Meist verläuft dies alles über eine Art Umleitungs-URL namens „lmfao.to“. Die Adresse, auf der man nach dem Klicken des Links schlussendlich landet, ist also von Facebook aus nicht sichtbar. Daneben werden noch angeblich lustige Twitter-Nachrichten von verschiedenen Accounts als Bilder geteilt, aber ohne dazugehörenden Link.

Der Umstand, dass die Page immer auf die selben Adressen verweist machte mich  neugierig, also auf zu „fruzzer“. Auf den ersten Blick eine typische Seite, auf der „lustige“ Bilder gepostet und bewertet werden können. Doch beim genaueren Hinsehen geht auch hier nicht alles mit rechten Dingen zu: Alle Bilder stammen vom gleichen Benutzer und die meisten haben genau 5 positive Bewertungen. Offensichtlich hat die Seite keine Benutzer ausser den eigenen Betreibern; ein Blick in’s Impressum offenbart deren Identität. Die beiden Betreiber sind – wer hätte es geahnt – die selben, wie jene der Facebook-Page; die Geschäftsführer der Werbeagentur „p s media„[1]. Diese Werbeagentur betreibt verschiedene Online-Plattformen: „fruzzer“, „spass-junkies.net“ (siehe oben) und auf Facebook – was nun kaum mehr überraschen dürfte – diverse Pages nach dem Strickmuster von „Ich habe mich umgesehen, wir sind die Geilsten hier!„. Eine kurze Überprüfung zeigt denn auch, dass diese genau gleich funktionieren: Links zu Amazon; fruzzer; spass-junkies & Umleitungen über lmfao.to. In den Likes dieser Strickmuster-Pages finden sich weitere Klone, doch überlassen wir der Werbeagentur selbst das Wort:

<<Wir betreiben ein umfangreiches Netzwerk von über 20 Facebook Seiten mit kumuliert über 3 Mio. Fans – allesamt im Fun- und Entertainment-Bereich. Hierüber können wir mit Hilfe von Seitenbeiträgen gezielt Traffic auf Webseiten umleiten oder Botschaften verbreiten. Dabei kommen zwei Faktoren zum tragen: Empfehlungen mit starker Glaubwürdigkeit treffen auf eine hohe Reichweite und sorgen somit für entsprechend hohe Wirkung.

Alle Seiten zeichnet eine individuelle Soziodemographie und unterschiedlich hohe Interaktionsraten aus.>>

[Hervorhebung durch Siebenundvierzig, Quelle: http://p-s-media.de/referenz/10/facebook-seiten ]

Wir haben es also nicht nur mit einer einfachen Facebook-Page mit Werbe-Links zu tun, sondern mit einem ganzen Netzwerk von Seiten, inner- und ausserhalb von Facebook, das genutzt werden kann, um Botschaften zu verbreiten. In der Marketingtheorie wird das, etwas ehrlicher, auch die Beeinflussung von Individuen in die gewünschte Richtung[2] genannt.

Interessant ist ebenfalls der Beriff „Glaubwürdigkeit“ im obigen Zitat. In diesem Zusammenhang spricht man im Werbejargon von „Quellenglaubwürdigkeit“: Werbung die direkt und sichtbar von dem Unternehmen kommt, welches das beworbene Produkt verkauft, ist generell eher unglaubwürdig, da die Kundschaft in solchen Fällen erwartet, dass man versucht ihr etwas „anzudrehen“. Deshalb liegt es für Unternehmen nahe, die Quelle der Werbung zu verschleiern, also eine vermeintlich neutrale Stelle dazwischen zu schalten – dann wird von „Publicity“ oder „Öffentlichkeitsarbeit“ gesprochen[2].

Das angestrebte Ideal ist oft Publicity, die als Empfehlung durch „Menschen, wie Du & Ich“ daherkommt (z.B. die „X gefällt Y“-Meldungen auf Facebook), oder eine Empfehlung durch vermeintliche Experten (z.B. „Stiftung Warentest“-Klone; Journalisten usw.). Im Fall dieser Facebook-Humor-Pages wird also mit der ersten Variante gearbeitet; der Hinweis auf das Produkt erfolgt durch die vermeintlich neutrale Zwischenstelle einer Facebook-Page, die vorgibt, „allein der Unterhaltung“ zu dienen und ganz viel „Menschen, wie Du & ich“-Flair  vermittelt. Zur Illustration eignet sich Zitat von einer der Humor-Pages der oben erwähnten Werbeagentur:

<< Wir bringen Abwechslung in den düsteren Tag, helfen dir abzuschalten und das Leben nicht ganz so ernst zu nehmen!
Humor ist etwas wunderbares! Nicht jeder kann über die gleichen Dinge lachen und trotzdem haben wir uns alle hier gefunden, um gemeinsam Spass zu haben, denn Humor ist, wenn man trotzdem lacht!>>

[Hervorhebung durch Siebeundvierzig; Quelle: http://www.facebook.com/serioes/info%5D

Klingt nach der richtigen Mischung aus Wir-Gefühl, Verblödung, Passivität  und Publicity – viel Spass auf Facebook!

Das letzte Wort gehört Pastor Bill Hicks:

Fussnoten

[1] Diese Werbeagentur ist natürlich weder die einzige, noch die erste, welche die hier beschriebenen Techniken nutzt – sie soll lediglich als Beispiel dienen.

[2] Vergleiche hierzu die Einführung (S.1) von „Die Wirkung Von Glaubwürdigkeit in Der Marketingkommunikation„(2009) von Franziska Küster-Rohde.

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Über siebenundvierzig

Intellektuelle Selbstverteidigung: https://siebenundvierzig.wordpress.com/
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2 Antworten zu Ewig schleicht die Werbung (Jetzt mit 100% mehr Zynismus!)

  1. Oliver Schulz schreibt:

    Interessante und gute Analyse, wenn auch ein paar Sachen nicht (mehr) stimmen… sei’s drum – geschenkt. Aber die Nutzung des Adjektivs „perfide“ empfinde ich in dem Zusammenhang als ein wenig dramatisch 😉

    • siebenundvierzig schreibt:

      „Perfide“ lässt sich u.a. Verhalten nennen, bei welchem Vertrauen hinterlistig ausgenutzt wird. In Bezug auf das Quellengkaubwürdigkeitsproblem im Marketing – bzw. auf die willentliche Verschleierung von Quellen – scheint mir das eine treffende Beschreibung. Natürlich ist der Begriff nicht wertneutral und das ist durchaus gewollt: Bei weitem nicht alles, was wirtschaftlich gang und gäbe und/oder legal ist, ist deswegen moralisch vertretbar.

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