Geisteswissenschaft in der Kurzfassung?

Die Arbeit von Studierenden und AkademikerInnen wird oft (und oft zurecht) als abgehoben und irrelevant gegeisselt – vor allem wenn es um die Geisteswissenschaften geht. Während die Naturwissenschaften ein automatisches Korrektiv besitzen, das sogenannte „Experiment“, welches sie immer wieder zwingt, ihre Aussagen an der unerbittlichen Realität zu messen, ist es in den Geisteswissenschaften viel leichter, die Welt völlig aus dem Blick zu verlieren. Gerne wird dieser Realitätsverlust unter der Bezeichnung „postmodern“ zur Tugend erklärt, was die Sache natürlich nicht besser macht. Die Weigerung sich an Tatsachen messen zu lassen, ist in der Tat verlockend, da man – unter Verwendung entsprechend verwirrender Sprache – dann leicht weitreichende „Theorien“ produzieren, oder  Banalitäten als grosse Einsichten verkaufen kann. (Die Sokal-Affäre hat das quasi-experimentell gezeigt.)

Da zum Beispiel PhysikerInnen nur schwierig „an der Realität vorbei“ theoretisieren können, müssen sie auch nach jahrhundertelanger Suche zugeben, dass sie ca. 80% der Materie im Universum („Dunkle Materie“) schlicht noch nicht finden können. Wissenschaft ist ein schwieriges Unterfangen, unsere Intuition oft trügerisch und Erkenntnis präsentiert sich kaum je auf dem Silbertablett. Ausgehend von den wenigen Dingen, die sich beweisen lassen, muss die Wissenschaft langsam und vorsichtig voranschreiten –  dabei die Fragilität der so weit erlangten Erkenntnis immer im Bewusstsein behaltend.

Als ich im ersten Semester des Soziologie-Studiums eine kleine Hausarbeit schreiben sollte, wollte ich meinen Prinzipien folgen und etwas Aussagen, dass sich einerseits belegen lässt und andererseits auch gesellschaftlich relevant ist. Unter den bestehenden Vorgaben für solche Arbeiten ist das sehr schwierig, wie ich feststellen musste. Allein schon die vorgegebene Länge einer solchen Arbeit schränkt die Möglichkeit, neue, aber belegte Aussagen zu machen, stark ein. Eine unorthodoxe Aussage, die berechtigterweise begründet sein will, benötigt ein weiteres Ausholen und genauere Belege, als das einfache Wiedergeben kanonischer Wahrheiten. Wer etwas buchstäblich „Unerhörtes“ schreibt, und es dann – wenn auch aus Platzgründen – nicht gut belegen kann, wird schliesslich als Spinner abgestempelt. (Ein Mechanismus, an dem gegenwärtig auch der investigative Journalismus zu Grunde zu gehen droht.)

Man sieht sich beim Verfassen einer solchen Arbeit also vor die Wahl gestellt: Wiederhole ich einfach, was andere schon gesagt haben, oder versuche ich, eine neue Aussage zu machen und laufe dabei Gefahr, sie nur unzureichend belegen zu können? Als Studienanfänger wird man so in die Richtung der ersten Option gedrängt; Zeitdruck und andere Arbeiten, die gleichzeitig erledigt sein wollen, tun dann das Übrige, um sicher zu stellen, dass die konservative Variante gewählt wird. Da wissenschaftliches Denken grundsätzlich immer Skeptik gegenüber den orthodoxen Wahrheiten erfordert, geht es dabei notwendigerweise verloren. Man könnte, wenn man denn bösen Willen unterstellen will, davon sprechen, dass wissenschaftliches Denken strukturell zensiert wird.

Nun mag eingewendet werden, dass ich hier über das erste Semester eines Studiums spreche und meine Erwartungen zu hoch seien – doch die Frage bleibt: Woher soll die wissenschaftliche Skepsis kommen, wenn sie einem von Beginn an durch solche Strukturen aberzogen wird? Der leichte Weg besteht unter solchen Vorgaben immer darin, keine grundsätzlichen Fragen zu stellen, während echte Wissenschaft das genaue Gegenteil erfordern würde.
All das musste gesagt werden, bevor ich hier als Beispiel meine kleine Hausarbeit veröffentliche. Darin war ich – wie nun klar sein dürfte – gezwungen, viel Orthodoxes ungeprüft zu übernehmen. Viele der Konzepte und Begriffe, die ich verwende, wären eigentlich äusserst fragwürdig, doch sie zu hinterfragen, würde jedes Mal den vorgegebenen Umfang sprengen. Das vielleicht krasseste Beispiel hierfür bildet sogar gleichzeitig die Grundlage der Arbeit: Die Marx’schen Theorien über Klassen. Ich sehe sie äusserst kritisch und bin mit vielem, das über Banalitäten im Stile von „Reiche herrschen über Arme.“ und „Gemeinsame Schichtzugehörigkeit kann in gemeinsamen Interessenlagen münden.“ hinausgeht überhaupt nicht einverstanden. Doch es ist schlicht unmöglich, dafür eigene Konzepte zu entwickeln,  wenn man das wissenschaftliche Äquivalent eines 20-Minuten-Artikels verfassen soll. (D.h. weniger als 10 Seiten mit 1,5-fachem Zeilenabstand.)

Rückblickend habe also auch ich die erste Option gewählt – wenig riskiert – und eine Mischung aus Banalität und schon Bekanntem produziert. Eigentlich stehe ich auf der Seite jener , die Marx „von links her“ kritisierten (z.B. Bakunin, Kropotkin, Pannekoek & Luxemburg), doch in der Arbeit sah ich mich gezwungen seine Theorien als Ausgangspunkt zu nehmen, da für eine Diskussion von Begriffen und Konzepten einfach kein Platz blieb. Jemandem derartige intellektuelle Unaufrichtigkeit allein durch Strukturen aufzuzwingen, das ist einer der Effekte der Universitäten, wie wir sie heute haben.

Nachfolgend also meine Arbeit „Die Schweiz als Zweiklassengesellschaft“, in der auch auf einen älteren Beitrag („Parteienfinanzierung und die systemische Ungerechtigkeit der “Politikvermittlung”) in diesem Blog Bezug genommen wird. Sie stammt – wie bereits erwähnt – aus dem ersten Semester und wird hier inhaltlich unverändert wiedergegeben:

Die Schweiz als Zweiklassengesellschaft

„Mit der Ausdehnung der Warenzirkulation wächst die Macht desGeldes, der stets schlagfertigen, absolut gesellschaftlichen Formdes Reichtums.“(Marx, MEW23: 145)

1. Einführung

Über einhundert Jahre nach ihrer Entstehung die marxschen Theorien als
Ausgangspunkt zum Verständnis von Aspekten einer modernen Gesellschaft
verwenden zu wollen, mag unsinnig erscheinen. Dies nicht zuletzt, da insbesondere
sein Zwei-Klassen-Modell zu simpel daherkommt, um die Vielgestaltigkeit heutiger
Lebensentwürfe und sozialer Lagen fassen zu können. Gesellschaften wie die
Schweiz scheinen von einem wohlhabenden Mittelstand geprägt, dessen Existenz
die marxsche Vorhersage einer massiven Verelendung der Arbeiterschaft Lügen
straft (vgl. Marx, MEW 23: 675). Solche Diskrepanzen brachten verschiedene
Ansätze der Erweiterung, Revision oder Ersetzung der marxistischen Sichtweise auf
die Gesellschaft. So postulierte E. O. Wright widersprüchliche Klassenlagen (vgl.
2006: 66) und U. Beck glaubt gar eine „Freisetzung des Individuums aus sozialen
Klassenbindungen“ (1986: 116) zu erkennen, um nur zwei Denkrichtungen zu
nennen.
Nachfolgend soll am Fall der Schweiz gezeigt werden, dass sich trotzdem
zumindest ein Wirtschaftsbereich findet, in dem sich grundsätzlich zwei Klassen
gegenüberstehen, wobei sich die „Schlagfertigkeit“ des Geldes entscheidend erweist.
Um dies zu zeigen, wird dargelegt werden, dass sich (1.) in der Schweiz grob zwei
Vermögensschichten identifizieren lassen; dass (2.) diese Schichten in Bezug auf
gewisse Wirtschaftszweige zumindest „Klassen an sich“ (vgl. Solga/Powell/Berger
2009: 28) bilden und (3.) wird ein Beispiel geboten, wie sich diese Klassenrelation
in Macht übersetzen lässt. Dabei kann weder eine vollständige Analyse der
ökonomischen Verkettungen, noch eine empirische Untersuchung der auf solchen
Analysen beruhenden Vorhersagen das Ziel dieser Arbeit sein, sondern viel mehr
das Aufzeigen möglicher Ansatzpunkte solcher Investigationen. Marxens Theorien
sollen hierfür gedankliches Ausgangsmaterial bieten, aber keinesfalls eine zu
beweisende Gesamtbeschreibung darstellen. Im Französischen könnte man diese
Herangehensweise „marxisante“ (in Abgrenzung vom Adj. „marxiste“, welches dogmatischen Marxismus beschreibt) nennen; die deutsche Sprache bietet leider
keine entsprechende Differenzierung.

2. Vermögensschichten der Schweiz

Die Schweiz weist die drittstärkste Vermögensungleichheit weltweit auf, eine
krassere Ungleichverteilung des Reichtums findet sich nur in Namibia und Singapur
(vgl. Mäder/Aratnam/Schilliger 2010: 58). Während hier nicht die exakten
Proportionen dieser Ungleichverteilung interessieren, sollen jedoch einige Beispiele
einen Eindruck ihres Ausmasses geben:
Mäder/Aratnam/Schilliger verweisen darauf, dass im Jahr 2010 3% der
Steuerpflichtigen in  der Schweiz gleich viel Vermögen besassen, wie 97% und dass
sich für das Land ein Gini-Koeffizient von 0.881 ergab (CS Research Institute 2010
zit. nach Mäder/Aratnam/Schilliger 2010: 58).
Kissling stellt für den aufgrund seiner Einwohnerzahl für die Schweiz
repräsentativen Kanton Zürich fest, dass im Jahr 2003 „Ein Promill gleichviel
[besitzt,] wie 86%“ und weiter: „Ein Prozent besitzt gleichviel wie 95% der
Steuerpflichtigen“ (2008: 25). Die Medianvermögen dieser reichsten der Reichen
sind darüber hinaus im Untersuchungszeitraum 1991 – 2003 am stärksten
gewachsen (vgl. ebd.: 27):
– Das reichste Prozent steigerte sein Medianvermögen um 71%.
– Das reichste Promill steigerte sein Medianvermögen um 83%.
– Das reichste Zehntel-Promill steigerte sein Medianvermögen um 95%.
Im selben Zeitraum wuchs, zum Vergleich, das Medianvermögen aller
Steuerpflichtigen im Kanton um 21% (vgl. ebd.: 27).
Mäder/Aratnam/Schilliger bestätigen: „Auch in der Schweiz weist die
Entwicklung darauf hin, dass sich der Abstand der Reichsten vom Durchschnitt
vergrössert“ (2010: 63). Es muss dabei angemerkt werden, dass solche
Darstellungen, bzw. die Erhebung der Datengrundlagen, schwierig sind, so fehlen in
ihnen beispielsweise die Pauschalbesteuerten (vgl. ebd:  48; siehe hierzu auch die
„Anmerkungen zu den Steuerdaten“, ebd: 60).
Will man also zwei grobe Vermögensschichten definieren, so kann die
Grenze durchaus in der Region des obersten Prozents oder sogar des obersten
Promill gezogen werden. Die Dynamik des sich beschleunigenden Vermögenszuwachses in diesen Sphären des grössten Reichtums kennzeichnet ihre
Mitglieder als die eindeutigen Profiteure der gegebenen Situation.

3. Der Klassenbegriff

Um von einer Schicht zu einer Klasse zu gelangen muss die „Stellung im
Produktionsprozess“ betrachtet werden (vgl. Solga/Powell/Berger 2009: 25).
Doch zunächst muss Genaueres über die Rolle des Klassenbegriffs bei Marx gesagt
werden, da bereits hier die theoretischen Schwierigkeiten beginnen. Wie Wright
bestätigt, definiert Marx den Begriff nie explizit und systematisch (vgl. Wright 1985:
6). Marxens Konzept zeichnet sich – etwa in Abgrenzung zu Weber –  durch den
Blick auf die Konfliktpotentiale, die dem kapitalistischen Produktionsprozess
inhärent sind, aus (vgl. Wright 2006: 65). Klassenkonflikte erwachsen also nicht nur
aus der unterschiedlichen „Verfügung über sachlichen Besitz innerhalb einer sich
auf dem Markt zum Zweck des Tausches begegnenden und konkurrierenden
Menschenvielfalt“ (Weber 2009: 134), sondern auch aus der Art, wie diese Akteure
ihren Besitz zur Ausbeutung einsetzen (vgl. Wright 2006: 65). Ausbeutung und
Macht stehen in einem vielgestaltig verschränkten Verhältnis zueinander, dessen
genaue Natur zu erschliessen hier zu weit ginge, weshalb einige Anmerkungen zur
logischen Beziehung der Begriffe genügen müssen:
1. Ausbeutung bedingt Bereicherung von (Indivduum/Gruppe) x auf Kosten von  y.
2. Das Vorhandensein von Ausbeutung generiert entgegengesetze Interessenlagen
zwischen x und y.
3. Macht bedeutet „die Chance, […] den eigenen Willen in einem
Gemeinschaftshandeln auch gegen den Widerstand anderer daran Beteiligter
durchzusetzen“ (Weber 2009: 133).
4. Ausbeutung benötigt Macht von x über y; Macht benötigt aber nicht unbedingt
Ausbeutung (Eltern haben z.B. Macht ohne auszubeuten; vgl. Wright 2009: 87).
5. Zur Aufrechterhaltung von Ungleichheit genügt also Macht.

4. Ausbeutung und Macht in der Schweiz

Hieraus folgt für den Fall der Schweiz, dass der Blick auf Machtverhältnisse
gerichtet werden kann, da sie einerseits ohne Ausbeutung existieren können und da andererseits Ausbeutung nie ohne Macht auftreten wird. Es ist in der Tat zu
erwarten, dass die Ungleichheit in der Schweiz eher in der Aufrechterhaltung von
Macht besteht, ohne dass dabei direkte wirtschaftliche Ausbeutung innerhalb der
Schweiz geschehen muss. Dies ist dem Umstand geschuldet, dass viele in der
Schweiz lebende Reiche ihr Vermögen nicht hauptsächlich durch wirtschaftliche
Aktivität in der Schweiz erlangten (Ein Beispiel hierfür ist der reichste
„Schweizer“ und IKEA-Gründer, Ingvar Kamprad). Selbst im Falle von
schweizerischen Unternehmen geschieht die eigentliche Arbeit oft genug im
Ausland, und damit auch die Produktion sowie die klassische Ausbeutung
(„Exploitation“), welche Marx beschrieb (vgl. Wright 2006: 65). An dieser Stelle
verlässt die Analyse den Rahmen klassischer marxscher Ausbeutungsverhältnisse
notwendigerweise. Wollte man der marxistischen Analyse folgen, so müsste nun die
Stellung der Schweizer Reichen und Lohnarbeiter im globalen Wirtschaftskreislauf
ermittelt werden, was eine Frage darstellt, die den Umfang dieser Arbeit eindeutig
übersteigt. Allerdings, so soll nun gezeigt werden, gibt es Bereiche moderner
kapitalistischer Produktion, die neben Ausbeutung vor allem Macht zeitigen und
sich erstaunlich gut einer „marxisanten“ Analyse hingeben.

5. Ein besonderer Produktionsprozess macht Schichten zu Klassen

„[Furger:]Studien zeigen, dass die Mittelschicht von
Steuererleichterungen am wenigsten profitiert. Trotzdem
stimmt sie für Erleichterungen, die nicht ihr, sondern der
Oberschicht nützen. Weshalb ist das so?
[Mäder:]Das ist ein schwer zu verstehendes
Phänomen.[…]“ (Furger 2011)

Die Rede ist von der Produktion von Ideologie und politisch relevanten Haltungen
in der Bevölkerung; also jener Tätigkeit, die uns in Form von Wahlwerbung,
politischen Zeitungsartikeln, der Arbeit von Public Relations-Agenturen und
Ähnlichem begegnet. In der politischen Soziologie wird hierbei auch von
„Politikvermittlung“ gesprochen.

5.1. Politikvermitlung als Produktionsprozess

Dieses Feld operiert nach einem veränderten Modus des Kreislaufs „G-W-G’“, bzw.
„G-W… P …W’ -G’“ (vgl. Marx, MEW 24: 55ff.), da das Ziel der Tätigkeit aus
Sicht der Investoren nicht direkt monetärer Profit und das Ergebnis der Produktion keine gewöhnliche Ware ist. Im „Kapital“ findet sich die veränderte Natur dieses Kreislaufs nur angedeutet:

„Es  gibt aber  selbständige Industriezweige, wo das Produktdes Produktionsprozesses kein neues gegenständliches Produkt, keine Ware ist. Ökonomisch wichtig davon ist nur die Kommunikationsindustrie, sei sie eigentliche Transportindustrie für Waren und Menschen, sei sie Übertragung bloß von Mitteilungen, Briefen, Telegrammen etc.“ (Marx, MEW 24: 60)

Auf die Natur von propagandistischer Kommunikation – also der Kommunikationmit dem Ziel Meinung und Haltungen zu prägen – oder ihre Eigenheiten als Produkt
kapitalistischer Tätigkeit wird danach nicht eingegangen, Kommunikation bleibt ein
blosses Werkzeug im Zuge anderer Produktionsprozesse, analog zur (Waren-)
Transportindustrie (vgl. ebd.: 60ff.).
Solche „Meinungsmache“ zielt evidenterweise auf die Durchsetzung des
eigenen Willens, also auf Machtgewinn (vgl. Weber 2009: 133). Wobei Macht,
konkreter ausgedrückt politischer Einfluss, eben auf vielfältige Weise wieder in
Vermögen umgemünzt werden kann. Um diesen Punkt zu illustrieren bietet sich das
Paper „Why is There so Little Money in U.S. Politics?” an, in dem die Autoren der
Frage nachgehen, weshalb in den USA nicht noch mehr Geld aus der Wirtschaft in
die Politik fliesst („Tullock’s Puzzle“), da solche Investitionen, zum Beispiel durch
den Einfluss auf geschäftlich relevante Gesetzesgebung, laut ihren Berechnungen
beinahe konkurrenzlose Profitraten versprechen (vgl. Ansolabehere/Figueiredo/
Snyder 2003: 110).
Politikvermittlung wird von jenen, die sie betreiben meist als notwendiger
Bestandteil demokratischer Kultur beschrieben und Forschung dreht sich dabei um
Fragen der Technik und ihrer Effizienz (vgl. Kepplinger 2008: 8ff.). Eine
„marxisante“ Betrachtungsweise liefert aber einen entscheidenden Aspekt des
Phänomens zutage, der unsichtbar bleibt, solange Politikvermittlung nicht als
kapitalistischer Produktionsprozess aufgefasst wird. Diese Herangehensweise ist
legitim, da alle Schritte der Politikvermittlung mittlerweile in Form kapitalistischer
Dienstleistungsunternehmen professionalisiert sind (Public Relations,
Marktforschung, Medien etc.). Eine solche Sichtweise lässt sich sogar direkt auf die
politischen Parteien – vielleicht die essentiellsten Politikvermittler – ausweiten, da sie benötigte Dienstleistungen weitgehend an eben diese privatwirtschaftlichen
Unternehmen delegieren. Sie lassen Kampagnen von Agenturen entwerfen, kaufen
Werbeplätze usw. Auf diese Weise unterliegen sowohl Dienstleistungsunternehmen,
als auch Parteien den Konsequenzen von Profitmaximierung, Effizienzsteigerung
und Konkurrenz, wie Marx sie in Bezug auf die Unternehmen im
„normalen“ Produktionsprozess beschrieb:

„Außerdem macht die Entwicklung der kapitalistischen
Produktion eine fortwährende Steigerung des in einem
industriellen Unternehmen angelegten Kapitals zur
Notwendigkeit, und die Konkurrenz herrscht jedem
individuellen Kapitalisten die immanenten Gesetze der
kapitalistischen Produktionsweise als äußere Zwangsgesetze
auf. Sie zwingt ihn, sein Kapital fortwährend auszudehnen,
um es zu erhalten, und ausdehnen kann er es nur
vermittelst progressiver Akkumulation.“ (Marx, MEW 23: 618)

Solche Relationen im Produktionsprozess sind es erst, die ökonomischen Schichten
ein gemeinsames Klasseninteresse aufprägen, sie also zu Klassen an sich werden
lassen (vgl. Solga/Powell/Berger 2009: 28). Dabei sollte nicht verwirren, dass sich
in diesem Vergleich die Parteien in die Lage des „Kapitalisten“ versetzt sehen, denn
Klasse definiert sich anhand einer geteilten Interessenlage die aus der „Stellung im
Produktionsprozess“  (ebd.) entsteht. Sofern unterschiedliche Stellungen dieselben
Interessenlagen nach sich ziehen können, bedarf es logisch gesehen keiner
einheitlichen Stellung innerhalb einer Klasse.
Was diese Situation in der Praxis bedeutet, lässt sich gut am Beispiel von
Parteispenden demonstrieren. Durch die schon angedeutete privatwirtschaftliche
Natur dieses Politikbetriebes wird Geld zum entscheidenden Faktor in der
Konkurrenz unter den Parteien; mehr Geld bedeutet wirksamere Kampagnen, mehr
Werbung und Medienaufmerksamkeit und somit potentiell mehr Wählerstimmen.
Parteien müssen sich deshalb – unabhängig ihrer politischen Couleur – auf
Geldsuche begeben. Diese banale Einsicht erlangten natürlich auch andere
Kommentatoren:

“Die  Parteien  sind  mausarm.  Sie  führen  aber  Wahlkämpfe,  die Millionen kosten.” (Gernet 2009: 11)

“[…]political parties are first of all bank
accounts that have to be filled.” (Ferguson 2011: 22)

5.2. Parteien auf Arbeitssuche

Wo dieses Geld beinahe ausschliesslich zu finden ist, wurde im Abschnitt
„Vermögensschichten der Schweiz“ bereits beschrieben – in sehr wenigen Händen.
Dieser Umstand gibt jenen, die über diese Vermögen verfügen, eine kaum zu
überschätzende Kontrolle über die politische Landschaft.
Im Folgenden werden vermögende Individuen mit vermögenden Organisationen,
etwa Grossunternehmen und Dachverbänden, der Vereinfachung halber
gleichgesetzt. Aufgrund ihrer sich vielfältig überschneidenden Interessen – so sind
viele der reichsten Schweizer gleichzeitig Teilhaber oder Manager der grössten
Unternehmen (vgl. Mäder/Aratnam/Schilliger 2010: 39-45) und diese wiederum
bilden die mächtigsten Interessenverbände – dürfte dieser Schritt als erste
Annäherung zulässig sein.

5.3. Fallbeispiel: Parteispenden der Credit Suisse (CS) & Raiffeisen

Im Zuge der Diskussion um die Geheimhaltung von Parteispenden in der Schweiz
kündigten die beiden Grossbanken im Jahr 2012 an, von nun an alle Parteien ihrer
Grösse entsprechend mit Spenden zu unterstützen. (vgl. Schaffner/Brönnimann
2012)  Vor dem beschriebenen Hintergrund privatwirtschaftlicher Konkurrenz unter
den Parteien stellt dieser scheinbar neutrale Schachzug unvermittelt einen
dreifachen Kontrollgewinn über die Parteienlandschaft dar (vgl. Siebenundvierzig 2012):

1. Kritiker des Spenders stehen vor einer schwierigen Wahl – Sollen sie die
Spenden akzeptieren und so an Glaubwürdigkeit als Kritiker verlieren, oder, durch
Ablehnung der milden Gabe, relativ zu den anderen Parteien wirtschaftlich in
Nachteil geraten? (vgl. Schaffner/Brönnimann 2012)
2. Die gewichteten Spenden stützen den politischen Status Quo nach dem Motto
„Wer schon hat, dem wird gegeben.“ Veränderung wird tendenziell erschwert.
3. Die Spender gewinnen an Legitimation, da sie sich parteipolitisch scheinbar
neutral verhalten.

Tendenziell werden durch die Spenden alle Parteien auf die Linie dieser Banken
gezwungen, die damit die Chance, ihren Willen durchzusetzen, vergrössert haben
(vgl. Weber 2009: 133).
Um zur marxschen Terminologie zurückzukehren, sehen sich die
„mausarmen“ Parteien gewissermassen in die Lage des doppelt freien Lohnarbeiters
versetzt, der „frei in dem Doppelsinn [ist], daß  er als  freie Person über seine
Arbeitskraft als seine Ware verfügt,  daß er  andrerseits andre Waren nicht zu
verkaufen hat“ (Marx, MEW 23: 183).  Verkaufen können die Parteien ihre Arbeit
in Form von Politikvermittlung und der Aussicht auf Regierungsbeteiligung;
potentielle Arbeitgeber sind generell jene, die die grossen Kosten von Wahlkämpfen
und sonstiger Politikvermittlung tragen können. Daraus folgt, dass Parteien nicht
primär um Wähler, sondern um Grossspender, also Investoren  kämpfen, deren
politische Interessenlage sie deshalb übernehmen müssen, was beide Gruppen zu
einer Klasse eint.
In Bezug auf das US-Amerikanische Zweiparteiensystem hat T. Ferguson
gleiche Schlüsse gezogen. Von der Überlegung her kommend, dass die Verfolgung
der eigenen politischen Interessen für den Grossteil der Bevölkerung einen im
Alltag unrealisierbaren Aufwand darstellt (vgl. Ferguson 2004: 22), konstatiert er:

„The real market for polititcal parties is defined by major
investors, who generally have good and clear reasons for
investing to control the state. […] Blocs of major investors
define the core of political parties and are responsible for
most of the signals the party sends to the electorate.”
(ebd: 22)

6. Zusammenfassung

Es lassen sich in der Schweiz zwei Vermögensschichten definieren: In der einen
befindet sich das Gros der Bevölkerung, während die andere von einer kleinen
Gruppe der „Superreichen“ gebildet wird. Die Relationen im Produktionsprozess
der Politikvermittlung ermöglichen es letzterer Schicht, einzigartigen Einfluss auf
die gesamte Parteienlandschaft auszuüben, da die Parteien um ihre Gunst als
Investoren konkurrieren müssen. Wie dies ihre Interessenlage unweigerlich an jene
der Geldgeber angleicht, wurde am Beispiel des Vorgehens zweier Grossbanken
beschrieben. Die in einer relational bedingten Interessenlage geeinte Schicht wird
also zur Klasse, der es offen steht, ihr Klasseninteresse durch derartige
Mechanismen wahrzunehmen. Wo die Durchsetzung des eigenen Willens (vgl.
Weber 2009: 133) gegeben ist, da existiert Macht und Macht wiederum bedingt
Machtlose; in der Schweiz sind dies möglicherweise – wie aufzuzeigen versucht
wurde – über 99% der Bevölkerung.

7. Quellen

Ansolabehere, Stephen /  de Figueiredo, John M / Snyder, James M (2003) : Why is there so little Money in US Politics ? In: Journal of Economic Perspectives,
17/1, S. 105-130.
Beck, Ulrich (1986): Risikogesellschaft: Auf dem Weg in eine andere Moderne. 1.
Aufl. Frankfurt am Main.
Ferguson, Thomas (2004): Golden Rule: The Investment Theory of Party
Competition and the Logic of Money-Driven Political Systems. 5. Aufl. Chicago.
Ferguson, Thomas (2011): Legislators Never Bowl Alone:
Big Money, Mass Media, and the Polarization of Congress. Online unter:
[http://www.nextnewdeal.net/wp-content/uploads/2011/04/
bwpaper_ferguson_040811.pdf] (Konsultiert am 13.01.2013)
Furger, Michael (2011): Ein Teil des Mittelstandes muss zurückbuchstabieren. Neue
Zürcher Zeitung, 13.03.2011. Online unter:
[http://www.nzz.ch/aktuell/startseite/ein-teil-des-mittelstands-muss-
zurueckbuchstabieren-1.9870608] (Konsultiert am 13.01.2013)
Gernet, Hilmar (2009): Vom Geld der Parteien: Parteienfinanzierung im
eidgenössischen Parlament 1964-2005. Unv. Diss. Universität Freiburg.
Kepplinger, Hans M (2009): Politikvermittlung: Theorie und Praxis öffentlicher
Kommunikation. 1. Aufl. Wiesbaden.
Kissling, Hans (2008): Reichtum ohne Leistung: Die Feudalisierung der Schweiz. 1.
Aufl. Zürich/Chur.
Mäder, Ueli / Aratnam, Ganga J / Schilliger, Sarah (2010): Wie Reiche denken und lenken: Reichtum in der Schweiz: Geschichte, Fakten, Gespräche. 2. Aufl.
Zürich.
Marx, Karl (1962): Das Kapital: Kritik der politischen Ökonomie. In: Marx, Karl /
Engels, Friedrich: Werke, Bd. 23-25. Berlin.
Schaffner, David / Brönnimann, Christian (2012): Millionenspende der Credit Suisse bringt die Linke in Verlegenheit. Tagesanzeiger, 06.03.2012. Online unter:
[http://www.tagesanzeiger.ch/schweiz/standard/Millionenspende-der-Credit-Suisse-
bringt-die-Linke-in-Verlegenheit-/story/19070776] (Konsultiert am 13.01.2013)[Siebenundvierzig] (2012): Parteienfinanzierung und die systemische Ungerechtigkeit der Politikvermittlung. Siebenundvierzig, 19.03.2012. Online unter:
[https://siebenundvierzig.wordpress.com/2012/03/19/parteienfinanzierung-
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(Konsultiert am 13.01.2013)
Solga, Heike / Powell, Justin / Berger, Peter A (Hg.) (2009): Soziale Ungleichheit, Klassische Texte zur Sozialstrukturanalyse. 1. Aufl. Frankfurt/New York.
Weber, Max (2009): Machtverteilung innerhalb der Gesellschaft: Klassen, Stände,
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Frankfurt/New York, S. 133-142.
Wright, Erik O (1985): Classes. 1. Aufl. London.
Wright, Erik O (2006): Class. In: International Encyclopedia of Economic Sociology.
London, S. 62-68.
Wright, Erik O (2009): Wo liegt die Mitte der Mittelklasse? In: Solga, Heike / Powell,
Justin / Berger, Peter A (Hg.): Soziale Ungleichheit, Klassische Texte zur
Sozialstrukturanalyse. 1. Aufl. Frankfurt/New York, S. 85-110.

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