Kommentar: Stadt gegen Land?

Nachgewiesenermassen hat die Schweiz eine der ungleichsten Reichtumsverteilungen aller Industrienationen (siehe z.B.: Ueli Mäder & Elisa Streuli; Reichtum in der Schweiz,  Rotpunktverlag.). Die Kluft zwischen Arm und Reich ist riesig, und die Armut nimmt zu.

2005 wurde die Statistische Grenze für den Begriff Armut drastisch  (um 7%) gesenkt – d.h. viele Arme tauchen in der Statistik plötzlich nicht mehr auf, obwohl sich ihre Lage nicht verbessert hat – was dazu führt, dass die Bundesstatistiken bloss 8.3 statt 13% Armut in der Bevölkerung ausweisen. Doch eben: Dadurch verschwindet Armut nur auf dem Papier, in Wirklichkeit breitet sie sich auch unter der arbeitenden Bevölkerung weiter aus,  und das vor allem in den Städten und Gemeinden mit Zentrumsfunktion. Der Grund für die räumliche Verteilung liegt auf der Hand. Arme zieht es in die Städte durch die sogenannten „Pull-„Faktoren: Vor allem wohl die schlichte Hoffnung auf Arbeit und erschwinglichen Wohnraum. (1-Zimmer Wohnungen mit Aussicht auf’s Industrigebiet sind auf dem Land recht selten.) Sicher darf man Armut in abgelegenen und agrarisch geprägten Gebieten nicht vergessen, doch hier soll sich der Fokus auf die Zahlenmässig grössten Konzetrationen richten.

Es gibt da nämlich ein Problem mit den Armen; sie sind gleichzeitig Stimmbürger. Was als Röstigraben begann bringt heute als „Bruch zwischen Stadt und Land“ Journalisten in Erkärungsnot. Städte und Ballungsräume stimmen „Links“, (reiche) Vororts- und Landgebiete „Rechts“. Ein Mysterium! Natürlich nur, wenn die Debatte nach den alten Regeln verläuft: Armut ist Tabu, damit kann es, damit darf es nichts zu tun haben. Deshalb am besten gar nicht erst darüber nachdenken.

Wie lächerlich die Verenkungen sind, die dabei entstehen konnte man sich unlängst in der Sendung BaZ Standpunkte ansehen. Nun gut, das sei sowieso TV-Journalismus auf Vorschulniveau mag der Leser  einwenden, und er hat recht. Doch die Debatte verläuft überall in den gleichen Bahnen: „Stadt gegen Land“ ist ein unerklärliches Phänomen, solange man erfolgreich verschweigt, dass es sich in Wirklichkeit viel eher um „Arm gegen Reich“ handelt. Arme denken anders als Reiche, und wenn sie ihre demokratischen Einflussmöglichkeiten wahrnehmen, dann stehen die Privilegien der begüterten Minderheit auf dem Spiel. Bis jetzt hoffen die Eliten ein erwachendes Klassenbewusstsein durch solche absurden Umdeutungen totschweigen  zu können. Da verwundert es denn auch wenig, dass sie – wie in der Standpunkte-Diskussion – plötzlich eine geschlossene Front bilden, wenn es um die Verteidigung des Ständemehrs geht.

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Über siebenundvierzig

Intellektuelle Selbstverteidigung: https://siebenundvierzig.wordpress.com/
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